Saturday, 4. February 2012

Dortmund, Westfalenpark, 01.08.2009
Foto: Valentin Mühl

60 DJs, 40 Bands, 14 Floors, 4 Stages, 1 Festival. Diese Zeile weckte diesen Sommer völlig zu Recht das Interesse von so manchem an der Ampel stehenden Passanten, dessen umherschweifender Blick an der erstbesten Litfaßsäule hängen blieb, oder von zahlreichen Internetusern, die beim surfen plötzlich über ein knallbuntes Banner stolperten, welches dezent mit eben diese Zeile gespickt war. Über dieser Zeile: Der von einer Fülle an exotischer Früchte umzeichneter Name des größten Electronic- und Alternative Music Festival in NRW: Juicy Beats.

Heute könnte man „20.000 Musikfans“ ergänzen. Dies nämlich ist laut Veranstalter die Zahl an Feierwütigen, die es sich am 01.08. diesen Jahres bei stahlendem Sonnenschein nicht haben nehmen lassen den Dortmunder Westfalenpark, in dem nun zum 13. Mal das eintägige Festival stattfand, zu stürmen. Und das Ganze für nur 19 Euro, was für insgesamt 100 Acts und 16-stündiger non-stop Party ein wohl mehr als fairer Preis ist.

Zu sehen und vor allem natürlich zu hören bekamen die 20.000 eine bunte Mischung aus in erster Linie elektronischer Musik wie House, World Beat, Electronic-Beats, Drum´n´Bass oder World Beat. Aber auch bekannte Größen aus der Reggae, Indierock, Hip Hop und Soul-Szene gaben sich auf den entsprechenden Stages die Ehre, was die elektronische Ausrichtung des Festivals abrundete und für zusätzliche Abwechslung sorgte.

Wer allerdings eher auf der Suche nach einem Tag voll schnöder 0815-Pop-Musik ist, der sollte nach Möglichkeit nicht bei den Juicy Beats danach suchen. Denn gerade diese Vielfalt an Klangfarben der verschiedenen Genres unterstreicht die doch auch häufig experimentelle Art vieler Künstler verschiedenste Genres in ihren Werken zu vereinen, was eines der herausragenden Merkmale dieses Events ist. Beispiele hierfür sind Alter Ego, Jazzanova, Bonaparte oder Die Goldenen Zitronen.

Nicht zu vergessen ist in dieser Beziehung selbstverständlich der diesjährige Headliner: Deichkind.

Eine Band die fast schon sinnbildlich für das Gefühl des Festivals steht. Denn während Ihrer jahrelangen musikalischen Weiterentwicklung, die heute in einer experimentellen Mischung aus kräftigen elektronischen Beats und von Sex, Drugs and Hip Hop triefenden Texten gipfelt, macht die Band der Fakt, dass sie sich nie von anderen, vielleicht erfolgreicheren, Bands, den Charts, kurzlebigen Trends oder gar der Gesellschaft haben verbiegen lassen, so außergewöhnlich.

Foto: Daniel Sandrowski

Auch ohne die die Frage zu beantworten, ob durch die absurden Texte, welche mit provokanten Parolen wie „Arbeit nervt!“ oder „Kein Gott! Kein Staat! Lieber was zu saufen!“ getränkt sind, einfach nur der pure Stumpfsinn zelebriert wird oder doch durch geschickt angewandte Ironie und unterschwelligen Sarkasmus Kritik an der gesellschaftlicher Entwicklung geübt werden soll, zu beantworten, lässt sich festhalten, dass Deichkind eine der wenigen Bands in deutschsprachigen Raum ist, die Ihr Konzept des hemmungslosen Spaß-Habens hervorragend auf das gesamte Publikum vor der Bühne übertragen kann.

Ausgelassene Konzerte wie dieses, auf denen junge Leute in mit neonfarbenden Klebstreifen beklebten Müllsäcken, pyramidenförmigen Papphüten und knallbunten Sonnenbrillen völlig unverklemmt miteinander Singen, Tanzen, Feiern ohne sich ständig umgucken zu müssen, ob man dafür von vermeintlich „Cooleren“ bereits belächelt wird, sind in einer zunehmend unsicheren jungen Generation, wo jeder auf den anderen schaut, alles irgendwie peinlich ist und man sich doch ständig für irgendwas schämen soll, selten geworden.

Diese Hemmungslosigkeit ist in meinen Augen das was Deichkind auszeichnet, was Ihre Auftritte so legendär werden lässt und was Sie zum idealen Headliner eines doch so unverkrampften Juicy Beats Festivals machte.

Diese Hemmungslosigkeit ist in meinen Augen das was Deichkind auszeichnet, was Ihre Auftritte so legendär werden lässt und was Sie zum idealen Headliner eines doch so unverkrampften Juicy Beats Festivals machte.

Nach ihrer legendären Show 2007 hatte die teils neuformierte Electric Super Dance Band ein großes Erbe anzutreten, schafften es jedoch sogar ihren damaligen Auftritt noch zu toppen.

Nicht nur die größten Knaller des aktuellen Album „Arbeit nervt!“ wie der gleichnamige Titeltrack, der poppige Song „Luftbahn“ oder „Metro“, sondern auch bekannte Hymnen von älteren Scheiben wie beispielsweise „Ich betäube mich“, „Krieg“ oder „Aufstand im Schlaraffenland“ brachten die Wiesen vor der Mainstage zum beben. Um etwas Abwechslung zu schaffen wurden auch einige Songs wie etwa „Sex im Kopf“ oder „Prost“ durch teils bekannte Hits aus der elektronischen Clubszene etwas aufgefrischt und als Remixe gespielt.

Nicht zu vernachlässigen ist natürlich die außergewöhnlich skurrile Show, die Deichkind begleitend bietet und die inzwischen schon zum Markenzeichen der Hamburger wurde. Mit knallbunten, neonfarbenden Kostümen mit passenden Masken auf überdimensionale Trampolins springend, in riesigen Schlauchbooten zum Song „Hovercraft“ über die feierende Menschenmasse gleitend oder als Vögel verkleidet an Bungee-Seilen befestigt zu „23 Dohlen“ über die Bühne schwebend, wird die Bühne beinahe zum Schauplatz von Performance-Kunst. Ob mit in allen erdenklichen Farben blinkenden pyramidenförmigen Hüten „Ich und mein Computer“ untermalt oder zu den schallenden Klängen von „Hört Ihr die Signale?“ ein großes Fass plus Schlauch feierlich an der Spitze der in der Mitte der Bühne platzierten Pyramide angebracht wird, bei Deichkind ist Langeweile ein Fremdwort.

Noch bevor Deichkind Ihren begeistert gefeierten Auftritt mit der Party-Hymne „Remmidemmi“, die als Zugabe gespielt wurde, beendeten, gipfelte die abgedrehte Show schließlich in der Neuauflage der legendären Bierdusche:

Tausende Dosen Bier wurden in der Menge verteilt, schön kräftig im Takt von „Limit“ geschüttelt und schließlich auf Kommando beim Refrain des Liedes gleichzeitig geöffnet. Hemmungsloser Spaß!
Zu Ende war nach dem Auftritt des Hauptacts das Festival jedoch noch lange nicht.

Foto: Daniel Sandrowski

Denn neben den zahlreichen Live-Acts, die ab 12 Uhr mittags die 4 Stages rockten, brachten die 60 DJs, darunter neben bekannten Namen aus der Region auch internationale Größen wie beispielsweise Bliss (Ed Banger) aus Frankreich und der New Yorker DJ Larry Tee, die 14 Floors bis in die frühen Morgenstunden zum beben, sodass absolut jeder auf seine Kosten kam.

Juicy Beats 2009 – 60 DJs, 40 Bands, 14 Floors, 4 Stages, 1 Festival, 20.000 Musikfans, ein riesen Spaß!

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