Saturday, 4. February 2012

Mainz, Frankfurter Hof, 09.05.2008

Wir sind Helden begaben sich mit Ihrer Lesung zum eigenen Buch mit dem Titel "Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen" in den Frankfurter Hof in Mainz, und schienen – trotz wirklich positiver Aufnahme bei sämtlichen vorangegangenen Konzerten in dieser Stadt – unsicher ob der zu erwartenden Reaktion der Leute auf diese Lesung zu sein. So konnte man direkt beim ersten Lied die Erleichterung und Freude feststellen, die den Helden ins Gesicht geschrieben stand, als das Publikum sofort und lauthals mitklatschte und -sang. Judith war so begeistert, dass sie noch während des ersten Liedes Stagediving machen wollte, die allerdings "weil sie keine Hose an habe" nicht tat (sie trug einen Rock). Moment – Lesung… und "erstes Lied"? Wie passt das denn zusammen? Fangen wir also Vorne an:

Der Saal ist voll, die Lesung ausverkauft. Gegen 20 Uhr kommen die 4 Helden auf die Bühne, am Lesepult mit 4 Lampen, 4 Mikrofonen und 8 Wasserflaschen vorbei zu Ihren Instrumenten und Gesangsmikrofonen. Und Judith versucht sofort klarzustellen: Dies ist zwar eine Lesung, aber beginnen möchten sie mit etwas, das sie noch häufiger tun. Polas nicht ins Mikrofon gesprochenes "… dir ein Kind machen" verhallt fast ungehört im Raum, auf der Bühne wird allerdings darüber gelacht und in den ersten Reihen vernimmt man ebenfalls den Satz "Das fängt ja gut an". Nun begannen die Helden also, unplugged (die Bezeichnung ist natürlich irreführend, die Mikros und Instrumente waren sehr wohl eingestöpselt, allerdings spielte man eben mit "akustischen" Instrumenten) zwei Lieder zu spielen und setzten sich anschließend an das Lesepult. Bevor es losging, wurde noch eine inoffizielle Kalauer-Meisterschaft losgetreten. Wortspiele mit dem Wort Mainz wie auch kurze, wenn auch nicht unbedingt sonderlich geistreiche Witze wurden vorgetragen, um die Punkte auf dem Kalauerkonto zu erhöhen, wie man erfuhr. Es würde mitgezählt. Jeans Verwechslung mit sich selbst gehörte sicher nicht zu den Kalauern, doch entbehrte es nicht einer gewissen Komik, dass einer der beiden mit Künstlervornamen bedachten Bandmitglieder den anderen der beiden mit seinem eigenen Künstlernamen ansprach, um dann festzustellen: "Jean, du musst jetzt lesen… Ach nein, das bin ja ich. Pola, ich meine dich…"

Die Lesung bestand aus vorher bereits festgelegten Ausschnitten aus dem Buch, die verteilt auf die vier Helden im Wechsel gelesen wurden, teils lasen die Vier Texte, die sie auch direkt betrafen, teils wechselte man sich auch nur ab, um eine gleichmäßige Verteilung und ein abwechslungsreiches Hören zu ermöglichen. Ob die Helden nicht genug zutrauen in die eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten hatten, und deshalb eine zufällige Folge von Bildern während der Lesungen auf die Rückwand geworfen wurden, möchte ich so keinesfalls unterstellen. Zwar störte es den Lesefluss nicht nur einmal und auch nicht nur gering, allerdings ergaben sich so durch die ungeplanten Zusammenhänge zwischen den Bildern und den gerade gelesenen Texten Humor-Synergien, die sicherlich keiner der Anwesenden hätte missen wollen. Textstellen wie "Mann seh ich scheiße aus" wurden von Gevatter Zufall mit Bildern des sehr schlapp aussehenden Protagonisten dieses Ausspruchs, Mark Tavassol, bedacht. Macht ja nichts.

Dass die Bilder nicht choreografiert wurden, sondern per Zufall eingeblendet wurden, wurde uns relativ früh erklärt, da die Lacher oft nicht zum Text passten, sondern sich auf das jeweilige Bild bezogen, was natürlich auch die Neugier der Helden schürte, die ebenfalls hochschauten und die Bilder noch kommentierten. Eines der Bilder jagte Judith erstmal einen Schrecken in die Glieder und sie rief, man solle die Bilder sofort stoppen, wenn das aus dem Urlaub sei, dann sind das die falschen Bilder, die da gezeigt würden. Pola erklärte: "Wenn das aus dem Urlaub ist, dann gibt es da doch auch dieses andere Bild, du weißt schon… Knickknack…" Wir wussten es zwar nicht, ahnten aber einiges, und warteten auf genau dieses Bild.

Es gab nun im Wechsel Texte und Musik zu hören. Über die Setlist mag man sich möglicherweise im Vorfeld verständigt haben, schriftliche Belege hierfür haben es auf jeden Fall nicht bis auf die Bühne geschafft, und so verständigte man sich offen vor dem Publikum, aber verschlüsselt über die nun folgenden Lieder. Ein Zeigen mit dem Zeigefinger auf das linke Handgelenk ließ daraufhin das Lied "Die Zeit heilt alle Wunder" erklingen, ein angedeuteter Armbruch läutete das Lied "Kaputt" ein. Beim letzten Musikblock vor der Zugabe fragte Judith das Publikum im bestuhlten Frankfurter Hof "Falls ihr euch gefragt habt, ob man bei einem Unplugged-Konzert auch aufstehen kann und ob man sich dabei die Haxen bricht… Ja und ja!" Das so charmant zum Aufstehen bezirzte Publikum ließ sich da natürlich nicht lange bitten und so stellten alle individuell und kollektiv fest, dass man die Lieder so noch viel mehr genießen konnte, weil man nicht nur mit dem Oberkörper wippen konnte.

Sehr schade fand ich, dass die Texte zu oft an für mein Empfinden ungeeigneten Stellen beendet wurden und inhaltlich gesprungen wurde. Das wirkte leider etwas unerfahren auf diesem Gebiet – man verzieh es ihnen aber durch die Zwischenmoderationen (nicht die schriftlich festgehaltenen und ebenso strikt vorgelesenen, sondern die spontanen Einwürfe), die keinen Zweifel daran ließen, dass die Helden dieses Buch auch wirklich selbst geschrieben haben, dass sie Spaß an der ganzen Sache haben und dass ihnen die Sprache, in der sie singen und sprechen, sehr am Herzen liegt. Ein Abend, der "Zwischenmoderationen" heißen würde und nur aus laut formulierten Gedanken der Helden bestünde, wäre sicher auch ein Kassenschlager an den Vorverkaufshäuschen der Republik.

So kamen sowohl die Musikliebhaber als auch Sprachbegeisterte sehr auf ihre Kosten, am Ende fehlte dann nur noch eines: Das versprochene Urlaubs-Bild kam nicht.

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