Foto: ChristophOBERHAUSEN (mzmb) – In meiner alternativemusikalischen Früherziehung spielte The Cure eine zentrale Rolle. Die Band war mir damals so unglaublich wichtig, dass es fahrlässig war, die vielen Gelegenheiten verstreichen zu lassen, sie live zu sehen. Das habe ich aber. In den 90ern wurde The Cure mir dann egal, warum auch immer, ich kann das heute nicht mehr nachvollziehen. Sprich, ich hatte vor Oberhausen Robert Smith und Co. noch nicht auf der Bühne gesehen. Als ich vor Monaten von den wenigen Deutschland-Konzerten der Engländer gelesen hatte, habe ich sofort ein Ticket geordert, allerdings mehr aus Sammeltrieb, die Band fehlte mir nun mal. Wahnsinnig euphorisch war ich nicht, es war mehr solch ein "Du ärgerst Dich nachher, wenn Du nicht hingehst"-Gefühl. Da ich überzeugt war, mit Mitte (ok, zweite Hälfte Mitte) Dreißig nicht zu den älteren Besuchern zu zählen, kaufte ich einen Stehplatz im Innenraum.
Von den Konzerten in Hamburg und Berlin vor einigen Wochen haben alle großen deutschen Zeitungen berichtet. Vor allem davon, daß The Cure über drei Stunden gespielt hatten. Als Oliver dann vergangene Woche aus Paris von drei Stunden vierzig und 42 Liedern schrieb, erschien mir der Stehplatz plötzlich sehr mutig. Gleichzeitig war meine Vorfreude auf The Cure plötzlich nicht bloß da, sondern auch riesig groß.
Mein letztes (und bisher einziges Konzert) in Oberhausen war im November 89 – da spielten die Ramones, ein unvergessliches Erlebnis. Damals gab es so etwas Spektakuläres wie die König-Pilsener-Arena noch nicht. Auch das riesige CentrO, neben dem sich die Arena befindet, wurde erst ein paar Jahre später errichtet.
Vor der Arena standen schon massenhaft Leute, als ich pünktlich zum Einlaß erschien. Und ich fühlte mich sofort in die Indie-Disko von damals zurückversetzt, viele der Frisuren und Jacken und T-Shirts waren 100%-ig authentisch.
Drinnen lief dann Interpol. Passendere Musik hätte ich mir als Einstimmung kaum wünschen können (naja, The Organ natürlich). Die Halle ist kein komplettes Oval, sie ist an einem Ende leicht abgeschnitten. Trotz der sehr großen Dimensionen, machte sie gleich einen viel sympathischeren Eindruck als die anderen Arenen, in denen ich bisher Konzerte gesehen habe, denn sie ist relativ schmal und lang, was einen gedrungenen Effekt erzeugt, der ganz prima wirkte.
Um Punkt sieben (!) begann das Vorprogramm. 65daysofstatic aus Sheffield eröffneten für The Cure während deren Europatour. Ich hatte die englischen Postrocker noch nicht gesehen, war aber auf Anhieb sehr angetan vom extrem melodischen Instrumental-Rock der Band. Das war ganz fabelhaft – wenn es nicht so unfassbar laut gewesen wäre. Allerdings war die Lautstärke nicht das wahre Problem, es waren die hämmernden Knaller des Bass und der Bassdrum, die die Randplätze ganz vorne unerträglich machten. Denn was nutzt der beste Ohrenschutz, wenn der Kopf sich anfühlt, als schlüge ein Boxer darauf ein. Die lauten Töne verlangten vom Schlagzeuger der Gruppe auch vollen Einsatz, er headbangte während seines Jobs und prügelte wie verrückt auf seine Trommeln ein. Unabhängig von der Lautstärke war es aber sehr lohnenswert, obwohl das komplette Set instrumental war und das ja nicht immer eine gute Idee als Vorprogramm ist.
Nach einer halben Stunde 65days… und einer ewig langen Umbaupause von 45 Minuten (unverständlich, denn nach 20 Minuten tat sich auf der Bühne nichts mehr), fingen dann um 20.15 Uhr The Cure an. Zunächst erklangen nur sphärische Töne, untermalt von Sternenhimmel-Animationen auf den riesigen Video-Leinwänden hinter der Bühne. Nach einer Weile kamen die vier Cures dann und stiegen in den "Plain song" ein, das war schon einmal ziemlich überwältigend.
Robert Smith trug eine Camouflage-Hose und ein dunkelgraues Hemd. Und selbstverständlich das Dings da auf dem Kopf. Nach dem "Plain song" richtete er sich die Haare, strich mit den Händen irgendwie da durch und frisierte sich, vollkommen faszinierend, das zu beobachten.
An Smiths Seite stand die exzentrischere Figur des Abends, Gitarrist Porl Thompson. Der glatzköpfige Musiker trug eine schwarze Lackhose, ein schwarzes Netztop, unter dem man seine gesammelten Körperkunstwerke bewundern konnte, ein Paar sehr hohe Damen-Lackschuhe (aus dem Fetisch-Regal) und allerlei Tattoos auf dem Kopf. Porl, der Roberts Schwager ist (er ist mit dessen Schwester verheiratet), war etwas fürs Auge, gar keine Frage!
Aber ich war in erster Linie der Ohren wegen da und auch die bekamen viel geboten. Das Set war anfangs so wie in Paris. Dem "Plain song" folgte "Prayers for rain" von "Disintegration" und "A strange day" von "Pornography", bevor mit "alt.end" ein neuerer Song kam. Danach wieder zwei Stücke aus den frühen 80ern, so gemischt sollte es den ganzen Abend weitergehen. Und egal aus welcher Phase die Stücke kamen, das Publikum kannte sie und sang und tanzte mit. Zumindest im Innenraum, auf den Tribünen war es anfangs deutlich ruhiger. Aber auch im Innenraum vorne wurde nicht Pogo getanzt, die Leute wippten eher, tanzten so wie früher auf Cure (ein Schritt vor, ein Schritt zurück), sangen, reckten die Hände hoch, es war sehr angenehm und gar kein fieses Gedrängel, was drei Stunden (plus) schwer erträglich gemacht hätte.
Natürlich waren auch viele der bekanntesten Hits schon früh im Programm, der "Lovesong" oder "Lullaby", das ich damit zweimal innerhalb von drei Tagen live gesehen habe, nachdem die Editors in Krefeld ein vorzügliches Cover gespielt hatten.
Ganz besonders großartig war dann die Phase danach mit dem "Kyoto song" und "The figurehead", echten Highlights des Abends. Ab und zu wurden die Lieder auf den Leinwänden hinter der Bühne visuell unterstützt. Bei "Lullany" lief eine Spinne über das Artwork der Platte, wenn ich mich richtig an das erinnere. Sehr schön auch mit "A boy I never knew" ein neues (und tolles) Lied.
Nach deutlich über zwei Stunden beendeten "One hundred years" (mit Kriegszenen z.B. aus Vietnam) und "Disintegration" den ersten Teil des Konzerts. Denn es sollten ja noch viele Stücke folgen, dreizehn, um genau zu sein – schwierig, bei solchen Mengen von Zugaben zu sprechen. Jedenfalls verließen die Vier kurz die Bühne, um dann den ersten Zugabeblock zu spielen, für mich die mit Abstand stärkste Phase des Abends. "At night, "M", "Play for today" und vor allem "A forest" waren beeindruckend. Richtig beeindruckend war es allerdings, sich dabei einmal umzudrehen und die unglaubliche Stimmung in der großen Halle auf sich wirken zu lassen. Das war alles so unwirklich (oder platt: Gänsehautstimmung).
The Cure verschwanden und kamen kurz danach unter großem Jubel zum Pop-Zugabenblock wieder. Der bestand aus dem Radiohit "Friday I'm in love", "Freak show", "Close to me" und einem ungewohnt klingenden "Why can't I be you?", denn da fehlten die Bläser. Das machte es nicht schlechter, es klang aber schon deutlich anders.
Auch nach dem anschließenden Bühnenabgang wurde keine künstliche Stimmung erzeugt, es war klar, daß Robert und Kollegen noch einmal erscheinen würden. Sie taten das dann für ein furioses Finale. Sie spielten noch einmal fünf Lieder, darunter "Boys don't cry", das wundervolle "Jumping someone else's train" und einen meiner ganz großen Lieblinge "Killing an arab", mit dem ich viele Erinnerungen verbinde, als Abschluß. Zu dem Zeitpunkt hatten die Leute auf den Tribünensitzplätzen längst gestanden – und getanzt, es war eben alles ganz herrlich feierlich.
Mein ganz großer Traum, die Smiths einmal live zu sehen, wird wohl nie wahr werden. Seit gestern ist das aber etwas weniger schlimm, denn das war ein Konzert einer Band, die man gesehen haben muß, ohne wenn und aber.
Setlist:
01: Plain song
02: Prayers for rain
03: A strange day
04: alt.end
05: A night like this
06: The end of the world
07: Lovesong
08: Pictures of you
09: Lullaby
10: From the edge of the deep green sea
11: The figurehead
12: Kyoto song
13: Please come home (neu?)
14: Push
15: Inbetween days
16: Just like heaven
17: Primary
18: A boy I never knew (neu)
19: Never enough
20: Wrong number
21: The baby screams
22: One hundred years
23: Disintegration
24: At night (Z)
25: M (Z)
26: Play for today (Z)
27: A forest (Z)
28: Friday I'm in love (Z)
29: Freak show (Z)
30: Close to me (Z)
31: Why can't I be you? (Z)
32: Boys don't cry (Z)
33: Jumping someone else's train (Z)
34: Grinding halt (Z)
35: 10:15 saturday night (Z)
36: Killing an arab (Z)
Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von Christoph von mein zuhause. mein blog. zur Verfügung gestellt.

