FRANKFURT/MAINZ (th/tms) – Es ist die ausgiebige Abschiedstournee der Blumfelds – keiner mag das so recht wahrhaben, aber trotzdem sind die Konzerte ausverkauft, die Stimmung gespannt, aber trotzdem fröhlich, immerhin geben sich die Herren noch einmal die Ehre, und so versprach der Abend Unterhaltung auf höchstem Niveau… und hielt das auch ein.
Wer kam, um eine ausführliche Erklärung der Trennung oder Informationen über die Zukunft der einzelnen Bandmitglieder zu erhalten wurde ebenso enttäuscht wie der, der damit rechnete, dass sich hier in Selbstmitleid gesuhlt wurde. Weder auf Seiten des Publikums, noch auf der Bühne gab es diese Tendenzen. Im Gegenteil: Es sah für den unbeteiligten Beobachter wie ein ganz normales Konzert aus. Mit ausgesprochen guter Stimmung. Einzig die Länge des Konzertes und die Zusammenstellung der Setlist könnten ein Indiz dafür gewesen sein, dass es kein gewöhnlicher Abend war.
Ohne Vorgruppe angereist spielten Blumfeld sämtliche Alben an, teilweise in bestechend albumähnlicher Qualität, andernteils in vollkommen neuer Interpretation. Insgesamt vermochte auch der Sound im Mousonturm zu überzeugen. Bis auf den letzten Platz war der Theatersaal gefüllt und unter der Galerie herrschten saunaähnliche Zustände. Diesem Umstand war es vermutlich auch geschuldet, dass für ein Konzert in dieser Größenordnung währenddessen ungewöhnlich viel Betrieb im Foyer war.
Das reguläre Set lief wie ein Uhrwerk ab und die Zeit verging wie im Flug. Ein Hit reihte sich an den anderen. Vor allem das Klavier-Solo als Outro bei "In der Wirklichkeit" und ein weiteres Klavier-Solo während "So lebe ich" als Highlight vor der Zugabe blieben in Erinnerung.
Die Zugabe begann mit einem Halb-Playback: Jochen Distelmeyer kam auf die Bühne und man hörte die Musik zu "Tausend Tränen tief", wozu er nicht nur sang, sondern auch tanzte, es zelebrierte, feierte, uns schenkte. Die Band setze in das ausklingende Outro ein und die Band wurde vorgestellt. Vereinzelte Einrufe "weitermachen", die sich natürlich nicht auf das Konzert, sondern auf das gesamte Schaffen der Band beziehen, blieben unbeantwortet, jedoch bei der Vorstellung der Band wurde spätestens deutlich: Dies ist das Ende. Jochen Distelmeyer nannte den Namen der Bandmitglieder, und befand den Applaus für einen letzten Applaus für zu schwach und wiederholte mit einem Kopfschütteln und Fingerzeig den Namen in noch fordernder Weise, so dass der sowieso schon sehr wohlgesonnenen Beifall sich noch einmal steigerte.
Ansonsten gab es bis auf diese Aufforderung und einem Sing-Along-Part bei "Der Apfelbaum" nicht viel Interaktivität bei dem Konzert. Dies überlassen die Blumfelds dann den Bands, bei denen neben der Musik die Show und das Event an sich im Vordergrund stehen – Blumfeld steht dagegen für "Musik pur". Dementsprechend schlicht war auch das Bühnenbild gehalten bei dem selbst ein Backdrop fehlte. Ebenso minimalistisch wie das Ambiente waren auch die Aktionen auf der Bühne. Während bei Andre (Drums) und Vredeber (Keyboard) kaum eine Regung zu sehen war, wippte Lars (Bass) zur Musik mit. Einzig Sänger Jochen schien in der Musik völlig aufzugehen und spielte fast wie losgelöst auf seiner Gitarre. Schwerelos wie manche der dargebotenen Songs. Musikalisch fehlten auch nicht die von früheren Konzerten bereits bekannten Verknüpfungen (Verstärker/Electric guitars/Everytime we say goodbye).
Dem Gerücht glaubend, dass Blumfeld sich auflösen, weil sie dem bis jetzt Geschaffenen nichts weiter hinzufügen können, kann man nur hoffen und sich und allen Wünschen, dass es trotzdem weitergeht, irgendwie. Seien es durch Soloprojekte oder einer späteren Wiedervereinigung, weil jetzt wieder Material oder Feuer da ist. Ich wäre der Band dafür nicht Böse.
Line-up:
* Jochen Distelmeyer: Gitarre, Gesang
* Andre Rattay: Schlagzeug
* Lars Precht: Bass
* Vredeber Albrecht: Keyboard
Gäste:
* Thomas Wenzel: Gitarre bei „In der Wirklichkeit“, „Der Sturm“, „Sonntag“, „So lebe ich“, „Graue Wolken“, „Verstärker“
Setlist:
1. Intro
2. Draußen auf Kaution
3. Mein System kennt keine Grenzen
4. 2oder 3 Dinge, die ich von dir weiß
5. Weil es Liebe ist
6. Ich – wie es wirklich war
7. Tics
8. Der Apfelmann
9. Wir sind frei
10. Eintragung ins Nichts
11. In der Wirklichkeit
12. Armer Irrer
13. Der Sturm
14. Sonntag
15. Die Diktatur der Angepassten
16. So lebe ich
Zugabe #1:
17. Tausend Tränen tief/Take a bow
18. Viel zu früh und immer wieder; Liebeslieder
19. Penismonolog/How soon is now
20. Zeittotschläger
21. Graue Wolken
22. Kommst Du mit in den Alltag
23. Verstärker/Electric guitars/Everytime we say goodbye
Zugabe #2:
24. April
25. Die Welt ist schön

