Foto: Thomas SteinMAINZ (tms) – Castingshows genießen hierzulande nicht besten Ruf und die Halbwertzeit der Gewinner sinkt von Staffel zu Staffel. Christina Stürmer war zwar auch Teilnehmerin an einer Castingshow in Österreich, aber als Zweitplatzierte musste nicht mit Staffelende eine Produkt in den Regalen stehen und stattdessen konnte sie von Anfang an ihre Musik machen. Der Erfolg gibt ihr Recht und wegen der großen Nachfrage wurde ihr Konzert von der Centralstation in Darmstadt in die mehr als doppelt so große Phönixhalle in Mainz verlegt, in der diesen Winter auch Bands wie Silbermond oder Juli gastierten.
Mit einem Konzert, das nur um wenige Minuten die zwei Stunden Marke verfehlte, begeisterte sie die 2500 Fans in Mainz und lieferte ein sehr abwechselungsreiches Konzert ab. Durch ihren massiven Einsatz in den Musiksendern und im Radio, könnte man meinen, dass sie vor allem ein jüngeres Publikum ansprechen würde. Weit gefehlt. Der Altersdurchschnitt war eher in den späten Zwanzigern anzusiedeln und ausgelassen feierten Jung und Alt gemeinsam. In den vorderen Reihen feierten auch Eltern, die wahrscheinlich in den 70ern schon Led Zeppelin oder die Rolling Stones live gesehen haben, gemeinsam mit ihren Kindern ausgelassen das Konzert.
Eröffnen durfte das Konzert Luttenberger-Klug, die Christina Stürmer aus ihrer österreichischen Heimat für die ersten Konzerte der „Lebe lauter“-Tour mitgebracht hat. Trotz eines Autounfalls auf dem Weg zum Konzert in Augsburg und den daraus resultierenden Gesundheitsschäden standen sie tapfer auf der Bühne. Begleitet wurden Keyboarderin Michelle und Gitarristin Chrissi neben dem obligatorischen Schlagzeug von eine Gitarristen und einem Bassisten, die mächtig ein Rockshow abzogen, die nicht zu erwarten war, wenn man nur die aktuelle Ballade „Vergiss mich“ kannte. Die übrigen Lieder waren wesentlich rockiger und passten perfekt zum Sound von Christina Stürmer.
Somit wurde dieser Support-Act in Mainz mit offenen Armen empfangen und entsprechend wurden sie wie der Hauptact des Abends gefeiert. In der Anmoderation zu „Vergiss mich“ fügten sie hinzu, dass man sie nicht vergessen werde und ohne ihnen diese Aussage als überheblich auslegen zu wollen – sie haben mit Sicherheit ins Herz einiger neues Fans gespielt und man darf gespannt sein, wann sie ihre erste eigenen Deutschlandtournee in Angriff nehmen.
Um 20:55 Uhr wurde es Zeit für Christina Stürmer und Band. Zum Intro von „Lebe lauter“ versteckte sich die Band noch hinter einem dunklen, leicht lichtdurchlässigen Vorhand, der nur die Silhouetten erkennen ließ, wenn sie entsprechend angestrahlt wurden. Selbstverständlich fiel der Vorhang und die zwei Stunden gekonnter rockiger Popmusik konnten beginnen. Direkt nach dem Opener bedankte sich Christina Stürmer beim Publikum für das zahlreiche erscheinen und sie merkte an, dass sie während der „Schwarz-Weiß“-Tour noch vor einem wesentlich kleineren Publikum spielte.
Während der Anmoderation zu „Scherbenmeer“ berichtete sie von dem Videodreh, da der Song ihre neue Single sein wird, und wie die Band während des Drehs mit kalter Nudelsuppe verköstet wurde. Solche Plaudereien aus dem Nähkästchen kommen immer gut an und damit hat man natürlich die Lacher auf seiner Seite. Die Strophen des Songs waren ein Duett mit ihrem Gitarristen Oliver Varga und das Publikum sang bei manchen Teilen lauthals mit.
Trotz der guten Stimmung musste das Publikum ab und zu zum Mitmachen motiviert werden und vor allem Bassist Gwenael „Gwen“ Dammans nahm sich der Rolle des Animateurs wie z.B. bei „Sonne hinter dem Nebel“ an. Nach dem Song durfte er alleine für ein furioses Bass-Solo auf der Bühne verweilen, während dessen er nach einzelnen Parts erneut mit dem Publikum zum Applaudieren aufforderte.
Während dieser Einlage marschierte Christina Stürmer mit Gitarrist Hartmut Kamm in die hintere Hallenhälfte, um für „Reine Nebensache“ auf einem Podest beim Soundmischer wieder zu erscheinen. Aus dem ersten Anlauf den Song nur mit Gitarrenbegleitung zu spielen wurde nichts, da sie den Text verlacht hat. Beim zweiten Anlauf musste sie ebenfalls inne halten, um ihn nicht wieder vor lachen abbrechen zu müssen. Live ist live und solche Momente zeichnen ein Konzert aus. Die Band setzte während des Songs ein und Christina winkte ihr von der anderen Hallenseite zu. Später im Song ließ sie die Fans vorne gegen die Fans hinten auf der Tribüne gegeneinander singen, wobei sich die eine Hälfte des Tribünenpublikums erhob und die andere Hälfte merkwürdigerweise sitzen blieb.
Da die Band ein langes Intro zu „Glücklich“ spielte, konnte Christina ganz gemütlich den Weg in Richtung Bühne durch das Foyer antreten und ließ sich dabei auch nicht von Fans aus der Ruhe bringen, die sie dabei ansprachen. Zu dem Song „Seite Eins“ erklärte sie, dass sie für den Text von dem Buch „About a boy“ von Nick Hornby inspiriert wurde.
Ähnlich erfrischend wie das Abbrechen von „Reine Nebensache“ war auch die Ansage zu „Entschlossen“. Ganz offen erzählten Schlagzeuger Klaus Pérez-Salado und Christina, dass sie jeweils nur ein oder zwei Lieder von Rio Reiser kannte als sie zusagten, ein Lied des Politrockers aufzunehmen. Solche ehrlichen Texte unterstrichen erneut, dass es sich bei dem Konzert um solide, ungekünstelte Rockmusik und nicht irgendein Pop-Produkt handelt.
Die Pannen bzw. natürlichen Momente waren aber noch nicht zu Ende: Bei „Die Welt“ wurde der Einsatz verpasst und zunächst fragte Christina die Band, warum sie nicht weiterspiele. Anschließend ließ sie das Publikum singen und behauptete dann, dass sie (Christina und das Publikum) schon beim Refrain seien.
Es folgte ein Drums- und Percussion-Einlage, bei der die gesamte Band inklusive Christina an Bongos, Shaker, Bassdrum und Snare wechselten. Nach dieser Intermezzo folgte „Immer an Euch geglaubt“ und das Finale des Songs ließ vermuten, dass die Zugabe folgen sollte. Stattdessen folgte noch eine fantastische Live-Version von „Revolution“ bevor das reguläre Set nach 17 Songs beendet wurde.
Als Zugabe wurden „Mama (ana Ahabak)“, „Unsere besten Tage“ und der Herbert Grönemeyer-Song „Kinder an die Macht“ als Acoustic-Set gespielt. Zum Abschluss der ersten Zugabe wurde „Augenblick vom Tag“ gespielt und in das Lied wurde eine ausführlich Bandvorstellung eingebaut und jeder Musiker durfte dabei eine Probe seines Könnens zum Besten geben. Hier stand keine mittelmäßige Begleitcombo auf der Bühne sondern Vollblutmusiker, die ihre Instrumente beherrschen und Spaß an der Musik haben.
Während der Pause zur zweiten Zugabe wurden das Klatschen und die Zugabe-Rufe durch aufblitzen der Audience-Blinder im Takt unterstützt und sie begann mit dem Song, auf den die meisten Zuschauer sehnlichst gewartet hatte: „Ich lebe“. Aber auch nach diesem Hit war noch nicht Schluss, denn das Publikum wurde mit „Engel fliegen einsam“ in die Nacht entlassen.
Auch wenn es mit fast zwei Stunden eine sehr beachtliche Konzertdauer war – im Anschluss bleibt die Frage: Wann ist die nächste Tour?
Line-Up:
- Christina Stürmer: Gesang
- Oliver Varga: Gitarre
- Hartmut Kamm: Gitarre
- Gwenael Damman: Bass
- Klaus Pérez-Salado: Schlagzeug
Setlist:
1. Lebe lauter
2. Sommertage
3. Nie genug
4. Bist Du bei mir
5. Keine Zeit zum Schlafen gehen
6. Scherbenmeer
7. Sonne hinter dem Nebel
8. Bass-Solo
9. Reine Nebensache
10. Seite Eins
11. Ohne Dich
12. Kind des Universums
13. Bis ans Ende der Welt // Rio Reiser
14. Die Welt
15. Percussion-Einlage
16. Immer an Euch geglaubt
17. Revolution
Zugabe #1:
18. Mama (ana Ahabak) (Acoustic)
19. Unsere besten Tage (Acoustic)
20. Kinder an die Macht (Acoustic) // Herbert Grönemeyer
21. Vier Jahreszeiten
22. Augenblick am Tag inkl. Introducing the band
23. Um bei Dir zu sein
Zugabe #2:
24. Ich lebe
25. Engel fliegen einsam


