Foto: Thomas SteinFRANKFURT (tms) – Die deutsche 80er Jahre Synthie-Pop Legende „Camouflage“ hat drei Jahre nach ihrem Comeback mit „Sensor“ kürzlich das Album „Relocated“ veröffentlicht und ist damit derzeit auf Tour. In Frankfurt führte ihr Weg in die Union Halle, die sich wieder einmal als Schmuckkästchen für Konzerte präsentierte.
Von ihren Anfängen bis heute hängt der Vorwurf der „deutschen Antwort auf Depeche Mode“ wie ein Damoklesschwert über der Band, der in kaum einen Konzertbericht oder einer Albumrezension fehlt. Den Vergleich würde jede Band treffen, die einen ähnlichen Stil wie der Platzhirsch für sich gefunden hat. Dank ihrer beiden Mega-Hits „The Great Commandment“ und „Love is a shield“ war es nicht verwunderlich, dass die Band fast jedem in der Generation 30 plus im Vorfeld des Konzertes ein Begriff ist.
Während des Auftritts von Kolkhorst, der eine One-Man-Show als Vorgruppe ablieferte, war die Union Halle noch ziemlich spärlich besucht. Während seines Auftritts füllte sich Halle zunehmend bis dann zu Camouflage ca. 300-400 Fans anwesend waren. Die Umbaupause bestand vor allem daraus, dass Getränke auf die Bühne gestellt wurden und nach nur ein paar Minuten betrat schon mit 23 Dienstjahren eine der dienstältesten Combos des Landes die Bühne.
„How do you feel?“ und die „Sensor“-Singleauskopplung „Me and you“ waren die Opener und läuteten einen druckvollen Beginn an. Das wieder einmal tolle Frankfurter Publikum war von Anfang an voll „dabei“ und der sichtlich gut gelaunten Band merkte man an, dass sie mit Herzblut bei der Sache waren. Sänger Marcus Meyn wirbelte über die Bühne, klatschte auffordernd in die Hände und animierte das Publikum ständig zum Mitmachen.
Die reguläre Setlist wurde von den Liedern zum neuen Album „Relocated“ dominiert und somit war eines schnell klar: Hier standen keine Altrocker auf der Bühne, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhten und mit ihren alten Hits durch die Lande ziehen, sondern eine hoch motivierte Band, die auf der Suche nach neuen Höhen ist. Verdient hätten sie es auf jeden Fall. Somit wurde auch bei einer Produktion in dieser Größenordnung an nichts gespart und die Lichteffekte mit einer auf mehrere Elemente verteilte LED-Wand, die auch Videos abspielen kann, sind normalerweise erst in größeren Hallen zu finden.
Um den Live-Sound organischer und nicht zu elektronisch wirken zu lassen, wurde die Stammbesetzung um Marcus Meyn, Oliver Kreyssig und Heiko Maile vom Gitarristen Volker Hinkel und Jochen Schmalbach (Project Pitchfork) am Schlagzeug unterstützt. Zu einer abwechselungsreichen Show trugen Sängerwechsel und der Einsatz von Umhänge-Keyboard, Umhänge-Trommel, Tamburine oder akustischer Gitarre bei.
Langeweile kam bei dem Konzert, das ganz knapp an der Zweistunden-Marke scheiterte nie auf. Live ist eben live und so gab es bei „Stranger thoughts“ Mikrophonprobleme, sodass das Lied noch einmal begonnen werden musste. Solche Pannen nimmt man am besten mit Humor und das gab natürlich Bonuspunkte auf der Sympathieskala.
Auch wenn ein Großteil des Publikums offensichtlich mit dem neuen Material vertraut war, wurde es kurz vor der Zugabe Zeit für den ersten Gossenhauer: The Great Commandment. Die Hände der Fans waren bis zum Mischpult in der Höhe, es wurde mitgesungen und getanzt.
Die Pause zur ersten Zugabe fiel kürzer als manche Ansage zwischen zwei Liedern aus und bei einem Block mit „Suspicious love“, „Something wrong“ und „Love is a shield“ blieb kaum ein Bein oder Kopf ruhig. Abfeiertechnisch war dies der Höhepunkt des Konzertes.
Die Begeisterung über das Konzert war überall zu spüren und zu hören, so dass die Frankfurter die Band nicht gehen lassen wollten, worauf noch ein zweiter Zugabenblock mit zwei Liedern folgte.
Um kurz nach elf Uhr war Feierabend und beim Verlassen der Union Halle war ausschließlich Lob zu vernehmen. Ganz im Stile der neuen Overheard-Homepages war auf der Straße vor der Halle die Unterhaltung zweier Fans zu hören. Der eine freute sich darüber, dass er die Band in einer ziemlich überschaulichen Location gesehen und gehört hat und sie gerne wieder in solch einem Rahmen erleben würde. Der andere entgegnete ihm, dass die Band bei dem starken neuen Material es verdient hätte, in größeren Hallen und vor mehr Publikum zu spielen.
Diese kurze Unterhaltung zeigt genau das Dilemma der Band auf. Kritiker und Fans sind begeistert, aber durch mangelnde Präsenz im Musikfernsehen und in vielen Radiostationen ist es enorm schwer, neue Fangenerationen zu gewinnen.


