Fotos: Thomas SteinFRIEDBERG (tms) – Vergangenen Samstag fand das 6. Soundgarden Festival in Friedberg statt. Betrachtet man es als Nachfolger des Friedberger Burgfestes, ist es nach der inoffiziellen Zählung um die 30. Ausgabe handelte. Wegen Umbauarbeiten im Burggarten musste das Festival, bei dem vor allem Liebhaber härterer Gitarrenmusik zusammenkamen, auf die Seewiese umziehen.
Kritisch äußerten sich Fans im Vorfeld und im Rückblick über die neue Location, den Headliner „Juli“ und die gestiegenen Eintrittspreise. Vor allem die „Julis“ mussten auf ein Neues beweisen, dass sie eine gute Live-Band sind, die Gitarren krachen lassen können und keine Retorten- oder Casting-Combo sind.
Trotzdem fielen sie aus dem übrigen Line-Up der Veranstaltung heraus, denn dort wurde in der Regel die Gitarre noch einen Gang härter gespielt. Bei noch mäßigem Besucherandrang durften die Gewinner des Bandwettbewertes „TakeTheChance“ das Festival eröffnen. Auch im weiteren Programm bot der diesjährige Soundgarden jungen Bands aus der Region eine Plattform und die Möglichkeit vor einem größeren Publikum zu spielen.
„Evil Cavies“ freuten sich nach eigenem Bekunden ungemein, dass sie in ihrer Heimatstadt auftreten durften. Bei nur leicht bewölktem Himmel sorgten die 7-köpfige Ska-Punk-Combo für gute Laune und Partymusik pur. Der Bereich zwischen der Open Air Stage und dem dazugehörigen Soundmischer war gut gefüllt und das Tanzbein durfte geschwungen werden, so dass Erinnerungen an die legendären Nachtkonzerte der Busters im Cookies geweckt wurden.
Nahtlos ging es weiter in auf der „Tent Stage“ im angemieteten Zirkuszelt mit „Concept Insomnia“, die ebenfalls aus der Region stammen. Die Halbfinalisten des Emergenza-Bandcontests überraschten mit „Progressive Metal“ und fielen somit aus dem sonst sehr punklastigem Line-Up heraus. Es paarten sich gefühlvolle elektronische Intros mit knallharten Gitarrenriffs – eine sehr interessante und gelungene Mischung. In eigener Sache warben sie während des Auftrittes – Sie warfen Promo-CDs ins Publikum. Abschluss ihrer Sets war mit „Rebel Yell“ ein Billy Ido-Cover. Doch alles „more, more, more“ Rufen half nichts, der nächste Act stand schon in den Startlöchern.
Im Freien wartete die selbsternannte „Scheißcombo“ (Itchy Poopzkid) mit ihrem „Arschlochgitarristen“ – so stand es zumindest auf dem Verstärker – auf ihren Einsatz. Bei dieser Namensgebung dürfte klar sein, was dem Besucher bevorstand: Fun-Punk pur. Genau zu ihrem Auftritt kamen zwar ein paar Regentröpfchen vom Himmel, doch dies ließ die gute Pogo-Stimmung vor der Bühne nicht kippen. Diese Band hat großes Unterhaltungspotential: Instrumententausch während der Songs, dumme Sprüche in den Pausen zwischen den Liedern und die Etikette blieb auch zu Hause. Zwischendrin wurde verraten wie viele Lieder sie noch spielen und wann sie zur Zugabe von der Bühne gehen würden. Andere nutzten diese frühe Phase des Festivals auch dazu, im Zelt der „Deutsch-Irischen Gesellschaft Friedberg“ stilecht beim Guinness den irischen Klängen der „Regulars“ zu lauschen.
Fotos: Thomas SteinGroße Ereignisse warfen ihre Schatten voraus und so war auch schon während des Auftritts der Itchys das Zelt mit wartenden „Schandmaul“ Fans gut gefüllt. Auch die bescheidene Resonanz des Publikums auf die Frage „Wer freut sich auf Juli?“ während der Show von Itchy Poopzkid zeigte: Für den überwiegenden Teil des Publikums waren die Schandmäuler der eigentlich Headliner des Festivals. Deren Auftritt füllte das Zelt deutlicher als später die Julis, da einige Fans der Band wohl nach dem Auftritt das Festival verlassen haben.
Über die Jahre haben sich Schandmaul mit ihrer Mischung mittelalterlichem Folk-Rock und deutschen Texten sowie der Verwendung von nicht alltäglichen Rockinstrumenten wie Geige, Dudelsack, Flöte oder Drehleier eine treue Fangemeinde erspielt. Dieses Konzept konnte auch Neufans überzeugen, die durch die Berichterstattung im Radio im Vorfeld des Festivals auf sie aufmerksam geworden sind. Sänger Thomas Lindner erzählte zudem die Geschichte, dass sie sich freuten, in Friedberg zu spielen und beorderten Verwandte zu dem vermeidlichen Konzert in der Nähe ihrer Heimat. Leider lag aber die Verwechselung zwischen Friedberg (Bayern) und Friedberg (Hessen) vor. Gute eineinhalb Stunden sorgten sie für gute Partystimmung, die zum Mitspringen und Biertrinken animierte. Da es während des Auftrittes regnete versammelten sich die ca. 2500 Festivalbesucher im Zelt. Die Anmietung eines Zirkuszeltes stellte sich als sehr kluger Schachzug der Veranstalter heraus.
Von der Abfolge her hätten „Julia“ besser nach „Itchy Poopzkid“ gespielt als zwischen „Schandmaul“ und „Juli“ , denn musikalisch war ihr Rock-Punk-Grunge-Gemisch näher an den Itchys als bei den anderen Bands. Somit fungierten die Österreicher leider zu sehr als Lückenfüller, denn während ihres Auftrittes warteten schon einige Juli-Fans im Zelt und beobachteten den Aufbau. „Julia“ brachten das Publikum mit ihrem melodiösen Punkrock zum Springen, Pogo-Tanzen, Mitklatschen und präsentierten sich getreu ihrem Motto: „Hauptsache es rockt, macht Spaß und hat Stil.“ Nach „Julia“ mussten zur nächsten leider sowohl ein „A“ als auch einige Gäste gestrichen werden, so dass das Zelt nicht mehr so gefüllt war wie bei „Schandmaul“. Von den Punks, Goths und Altrockern war nicht mehr viel zu sehen, aber dafür gaben nur Girlies den Ton in den ersten Reihen an. Außerdem waren wie üblich bei „Heimpspielen“ der Julis Verwandte und Freunde der Band anwesend.
Durch frühere Berichte über Konzerte der Band sollte die musikalische Qualität der Band nicht in Frage stehen. Wie schon beim Schlossgrabenfest in Darmstadt spielten sie vier neue Lieder aus ihrem neuen Album „Ein neuer Tag“, das im Oktober erscheinen soll.
Auffällig gegenüber früheren Konzerten der Band war, dass gerade im Bereich der Lichttechnik kräftig aufgerüstet wurde. So gab es beispielsweise zwei Bühnenspots, die die Akteure ins rechte Licht rückten. Durch diese neu gewonnen Effektmöglichkeiten wurde „November“ zum Opener, bei dem in der ersten Hälfte des Liedes die Band im Dunkeln stand und man durch ein paar blaue Spots man nur die Silhouetten erkannte. Nach diesem ruhigen Entree konnte die Party mit „Warum“ und „Boxer“ nun richtig beginnen.
Gegenüber einem reinen „Juli“-Konzert hielt sich das Publikum beim Mitsingen ziemlich zurück. Aber bei den großen Hits wie „Perfekte Welle“ oder „Geile Zeit“ war dies erwartungsgemäß anders. Die Band gönnte sich außerdem den Spaß, dass sie auf den Shirts der Mitglieder verschiedene Buchstaben mit Panzerband überklebten, so dass Dedi als neues Bandmitglied „Kai“ vorgestellt wurde. Der Band hat das Konzert scheinbar Spaß gemacht, obowohl das Zelt nicht mehr so dicht gefüllt war wie zuvor bei „Schandmaul“, denn Simon stand zwischendrin außerhalb des Gestänges für die Lichteffekte auf den PA-Boxen und musste anschließend von hinten wieder zurück auf die Bühne laufen.
Durch das Zeitlimit des Festivals und der damit einhergehenden Deadline von Mitternacht war der Auftritt von Juli schon nach 75 Minuten vorbei und gerade vor den Familien und Freunden hätte die Band sicher gerne länger gespielt.
Bei anderen Konzerten in den letzten Wochen von aktuell populären Bands wie „Wir sind Helden“ oder „Silbermond“ im Rhein-Main-Gebiet waren beim Headliner jeweils um die 1000 Fans mehr anwesend als bei „Juli“ in Friedberg. Daher bleibt abzuwarten, ob die Veranstalter im nächsten Jahr wieder auf einen durch Musikfernsehen und BRAVO geförderten Headliner setzen oder ob sie wie in früheren Jahren das Line-Up wieder ausschließlich aus der Alternative-Ecke in den CD-Läden zusammenstellen. Abgesehen davon werden aber die von vielen Besuchern im Internet geforderten niedrigen Eintrittspreise aus den vergangen Jahren auch durch die Zeltanmietung, die sich in diesem Jahr als Glücksgriff herausgestellt hat, nicht zu halten sein.
Playlist "Juli":
1. November
2. Warum
3. Boxer
4. Sterne
5. Dieses Leben
6. Bist du das
7. Geile Zeit
8. Tränenschwer
9. Ein neuer Tag
10. Anders
11. Wir beide
12. Perfekte Welle
13. Ich verschwinde
14. Wer von euch (Zugabe)
15. Regen und Meer


