Saturday, 31. July 2010

Frankfurt, Festhalle, 17.05.2006

FRANKFURT (tms) – Wer in der Festhalle war, um den rockigen Bruce Springsteen der E-Street-Zeiten zu sehen, war völlig fehl am Platze. Wer sich aber auf das Experiment einließ, den „Boss“ beim Singen amerikanischer Volkslieder zu hören, der wurde mit einem großartigen Konzert belohnt, denn es basierte auf dem aktuellen Album „We shall overcame – The Seeger Sessions“. Wie auf dem Album bewegte sich das musikalische Spektrum von Folk über Blues und Jazz bis hin zu Gospels im Umfeld traditioneller amerikanischer Volksmusik. Der Albumtitel ist eine Widmung an Peter „Pete“ Seeger, der an der Harvard-Universität eine Sammlung von amerikanischen Volksliedern und Südstaaten-Blues zusammentrug, deren Songs Bruce Springsteen neu aufgenommen hat.

Passend zu der Herkunft der Songs fiel die Dekoration der Bühne aus. An der Stirnseite prangte eine Art Saloon-Schild, direkt über den Musikern hingen drei Kronleuchter und das Licht war ein wenig gedämpft, es Bestand vor allem aus gelben und roten Tönen. Stilecht dazu wurden Hosen mit Hosenträgern, Westen und teilweise Kopfbedeckungen getragen. Genau so stellte man sich Hausmusik in den Südstaaten im vorletzten Jahrhundert vor.

In der Festhalle waren im Innenraum links, rechts und hinten Zusatztribünen aufgebaut, so dass sich die Kapazität auf 8000 Personen reduzierte und dadurch endeten die normalen Stehplätze schon kurz hinter der Hallenmitte. In den hinteren Reihen des stehenden Bereichs des Innenraums war genügend Platz, so dass dort zu den Klängen der Musik stilecht getanzt werden konnte.

Mit Konzertbeginn um 20:20 Uhr stand fast die gesamte Festhalle auf einen Schlag, denn nur die Bereiche in den Rängen mit recht frontaler Bühnensicht und die Tribüne im Innenraum hinten bevorzugten es, das Konzert im Sitzen zu verfolgen. Nach dem Opener „Old Dan Tucker“ begrüßte der Boss die Festhalle in einstudiertem Deutsch mit den Worten: „Es ist schön, wieder hier zu sein, wir werden viel Spaß haben.“ Das ist eine Ansage, die man gerne wörtlich nimmt und schon während des zweiten Liedes „Oh Mary don’t you weep“ waren erstmal alle Hände in die Höhe gestreckt. Etwas irritierend waren von Anfang an die „Bruuuuuuce“-Rufe, die statt nach Zustimmung fast nach Ausbuhen klangen. Der Meister selbst wusste dies aber richtig zu deuten und präsentierte sich gut gelaunt und in Spielfreude. Er war immer hochkonzentriert und legte mit geschlossenen Augen viel Herzblut in die Lieder. Dieser Enthusiasmus übertrug sich von der Bühne auf das Publikum und mehrmals setzten bei längeren Pausen zwischen den Songs regelrechte Fangesänge ein.

Dennoch verlief die erste Konzerthälfte wie eine fröhliche Kaffeefahrt mit einer Dampflok auf Schienen, die „John Henry“ verlegt hatte. Es wurde ausgelassen mitgefeiert, aber ohne wirkliche einprägsame Highlights. Trotz dieses fahrplanmäßigen Ablaufs schmälterte dies in keinster Weise die musikalische Klasse der Akteure. Dies sollte sich aber mit „My Oklahoma Home“ ändern, während dessen Refrain das Publikum lautstark „Blown away“ mitsang und das Dach der Festhalle zum Glück nicht abhob. Es folgte mit „Mrs. McGrath“ ein irisches Lied, das bei dem Konzert etwas aus dem Rahmen fiel, aber wie man es gewohnt ist, gute Laune verbreitete. Eine Tin-Whistle hätte der Interpretation gut getan, aber auch nur mit Geigen war es gelungenes Lied.

Bei „We shall overcome“ entstand ein Gänsehautgefühl und er bezeichnet den Song als den Song mit „the most important political potential“, der von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung handelt. Von jetzt an blieb keine Zeit mehr für eine Verschnaufpause, denn direkt danach gab es bei „Open all night“ schon die erste Sing-Along Einlage.

Kurz nach 22 Uhr schaffte es der Boss mit seiner 16-köpfigen Band mit „Pay me my money down“ auch bei den Stehverweigerern auf der Tribüne und den Rängen, dass sie sich erhoben und nun die komplette Festhalle stand, die Stimmung erreichte einen neuen Höhepunkt. Ziemlich originell endete das Lied damit, dass nur noch die Tuba und das Schlagzeug auf der Bühne verblieben.

Vor „When the saints go marching in“, das in Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe in New Orleans sehr ruhig gespielt wurde, bedankte sich Bruce Springsteen beim Publikum: „Thank you for your faith and your trust for doing something new.“ Das Vertrauen wurde ihm definitiv entgegengebracht und so konnte er feststellen: „The audience is well prepared. It’s a pleasure to be in Frankfurt.“ Für das letzte Lied „Buffalo Gals“ holte er seinen „German friend“ Wolfgang Niedecken auf die Bühne.

Nach zweieinhalb Stunden war dann um kurz vor elf Uhr das Konzert beendet. Es hätte gerne noch länger dauern können, denn ähnlich wie die Akteure war auch ein Großteil des Publikums von der Musik und der ausgelassenen Feierstimmung berauscht.

Hoffentlich war es nur die Promotion-Tour, damit wir die Show in Deutschland noch einmal erleben dürfen.

Setlist:
1. Old Dan Tucker
2. Oh Mary Don't You Weep
3. Johnny99
4. John Henry
5. Eyes on the Prize
6. Jesse James
7. Cadillac Ranch
8. Long Black Veil
9. Erie Canal
10. Oklahoma Home
11. Mrs.McGrath
12. How can a Poor Man
13. Jacob's Ladder
14. We Shall Overcome
16. Open all Night
16. Pay Me My Money Down
17. My City Of Ruins
18. Ramrod
19. You Can Look But You Better Not Touch
20. When The Saints Go Marching In
21. Buffalo Gals

3 Kommentare zu Bruce Springsteen
Andre am 25.05.2006 um 13:10 Uhr

Hallo Thomas,

vielen Dank für den Bericht. Für mich als Springsteen-Fan ist es überaus schade, dass der Mann nicht in den Norden kommt. Was nicht ist, kann ja noch werden… :) Wenn´s nun auch keine Überraschung mehr wird, so weiss ich doch, dass ich Grosses zu erwarten habe ;)

Daniel am 07.11.2006 um 11:14 Uhr

Hi,
wollte mal was zu dem Konzert an sich sagen. War gestern in der Köln Arena das Konzert anschauen und war doch ziemlich enttäuscht. Als erstes muss ich sagen dass mein Sitzplatz im zweiten Oberrang war, und damit doch gut 100m vom eigentlichen geschehen weg. Von dem Konzert sah man eigentlich nur das Bild auf den Leinwänden, und dafür 55€ zu bezahlen ist eigentlich ja auch schwachsinnig, da kaufe ich mir lieber die DVD davon, und die akustik ist selbst auf einer 100€ aldi stereo anlage besser als so weit weg von dem konzert in der Arena. Der Gesang von Bruce war nicht wirklich zu verstehen, teilweise war es nur als lautes geschrei auszumachen. Die Stimmung im hinteren teil der Halle war auch nicht wirklich gut, während vorne wie ich meinte erkennen zu können doch viele am tanzen und feiern wahren, blieb hiten eigentlich alles sitzen. Dazu kam dass viele der Zuschauer ins Konzert gereist waren um die alten Hits von Bruce Springsteen, sprich Born in the USA oder Streets of Philadelphia zu hören. Ich hatte mir ehrlichgesagt auch so ein paar Titel gewünscht, allerdings wusste ich im Gegensatz zu vielen anderen auf was ich mich einließ. Und die leute die die alten Titel hören wollten taten dieser Stimmung auch Kund. Ich deute die Bruuuuuuuuuce rufe aus dem obrigen Artikel eher als Buuuuuuuh rufe. Ich möchte von daher eine Warunung aussprechen: Wer den alten Bruce Springsteen hören will, soll sich von dem Konzert fern halten und nicht denen die den neuen hören wollen die Stimmung vermiesen, oder wenn se die karte dann nicht mehr verkauft kriegen und sich dass dann doch mal anhören wollen einfach ruhig sitzen bleiben, von mir aus nicht klatschen und sich ruhig verhalten. (haben auch viele getan). Naja für mich bleibt auf jeden Fall ein fazit, NIE WIEDER 2. OBERRANG bei einem Konzert in der Köln arena, auch wenns billiger ist, dann lieber garnicht.

wil am 18.11.2006 um 22:38 Uhr

ich war in dem Konzert in Köln, irgendwo weit oben…
die Stimmung war – auch da oben – gigantisch und dir Bruuuuce-Rufe waren sehr wohl zustimmend (Springsteen-Fans aus früheren Konzerten auch sehr vertraut…)
und wer nicht "auf Verdacht" da rein ist, sondern sich auch mal mit der aktuellen CD und vor allem den Konzertankündigungen befasst hat, wußte auch auf was er sich einlässt

Das Konzert war großartig, Springsteen wirklich in bester Spiellaune und für Freunde der Folk-Music kann es fast nichts Genialeres geben als dieses Konzert!

Mein Fazit: 650 km Anreise und 7 (hin) bzw 9 (nachts zurück) Stunden im Zug haben sich absolut gelohnt – das war mit Sicherheit das beste Konzert das ich je erlebt habe!

und nur nebenbei: verstanden hab ich eigentlich ziemlich jedes Wort beim Gesang (kann natürlich daran liegen, dass ich sowohl die CD als auch einen Großteil der Songs schon von Pete Seeger kenne) und als Geschrei hab ich das sicher nicht empfunden

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