Saturday, 31. July 2010

Offenbach, Stadthalle, 11.05.2006
Foto: Wolfgang (djanga.de)

OFFENBACH/FRANKFURT (tms) – Aus einem reinen Studioprojekt hat sich über die letzten Jahre einer der renommiertesten Live-Künstler des Landes entwickelt. Alles begann mit einem einmaligen Konzert in Hamburg und jetzt präsentierte Schiller alias Christopher von Deylen den aktuellen Longplayer „Tag & Nacht“ in der Offenbacher Stadthalle.

Durch die Präsenz von verschiedenen hochkarätigen Gastsängerinnen- und sängern bei den Studioproduktionen stellt sich im Vorfeld eines Konzertes immer die Frage, welcher dieser Stars wird anwesend sein. Am Vortag in Düsseldorf waren, wegen der Aufzeichnung der Tour-DVD, selbstverständlich alle inkl. Thomas D. und fast schon Schiller All-Star Peter Heppner dabei, aber in Offenbach fielen sowohl Line-Up als auch Spieldauer etwas kürzer aus.

Bei einer Spieldauer von gut zwei Stunden wurde auf eine Vorgruppe verzichtet. Christopher von Deylen thronte am linken Bühnenrand auf einem Podest hinter seinen Keyboards. Vis-a-vis war mit dem Briten Cliff Hewitt ein Schlagzeuger an den E-Drums, der mit einer enormen Spielfreude zu Werke ging. Die Mischung zwischen elektronischem und klassischem Schlagzeug auf der Bühne portiert den typischen Schiller-Sound sehr gut vom Studio in die Konzertsäle. Weiterhin gehörten zu den Instrumentalisten der Bassist Tissy Thiers, der Gitarrist Mickey Meinert und Christian Kretschmar an den Keyboards. Durch den Einsatz der traditionellen elektrisch verstärkten Instrumente ist der Live-Sound dem Rock wesentlich stärker verbunden als die Studio-Versionen.

Die Akteure auf der Bühne waren sehr engagiert, dennoch war und ist bei solch einer Musik nicht die spektakuläre Bühnenshow mit großen Tanz-Einlagen oder Rock-Gestiken zu erwarten. Stattdessen wurde auf eine Lightshow gesetzt, die zwar schlicht, aber beeindruckend genial war. Hauptbestandteil waren fünf schmale LED-Wände, die hochkant im Abstand von wenigen Metern halbrund hinter den Musikern positioniert waren. Neben verschiedenen Effekten, die von Feuerwerk bis zu Psychodelic (ähnlich der Visualisierung in Media Playern) reichten, wurden auch zusammenhängende Bilder gezeigt, die wie auf einer großen Leinwand mit vier Unterbrechungen wirkten.

Ebenso wenig wie beim Licht wurde auch beim Sound gespart. Am hinteren Ende des Innenraums waren ebenfalls Boxen aufgebaut, so dass ein Surround-Sound entstehen konnte. Wer aber auf der Tribüne hinter den Rear-Speakern war, kam immer noch in den Genuss einer Klangqualität, die so selten bei Konzerten zu erfahren ist. Daher war das Konzert allein schon aus produktionstechnischer Sicht eine State-of-the-Art Show.

In der Regelmäßigkeit von zwei bis drei Liedern wechselten sich Instrumentalstücke vor allem von „Tag & Nacht“ mit den Auftritten der Gastsängerinnen ab, da in Offenbach sich Jette von Roth, Moya Brennan und Kim Sanders die Ehre gaben. Eröffnet wurden die Gastauftritte mit dem bisher unveröffentlichten Song „Driftin’“ mit Jette von Roth, die in einem roten Kleid erschien und, abgesehen von Haarfarbe, ein wenig an Björk erinnerte. Leider wirkten ihre etwas schüchternen Bewegungen im Zusammenspiel mit dem fragilen Gesang etwas unbeholfen auf der weitläufigen Bühne. In einer kleineren Halle wäre dies wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Gesanglich gab es an Ihren Darbietungen nichts auszusetzen, was sie auch bei „What’s coming“ unter Beweis stellte.

Später in der Sho, bei ihrem zweiten Gesangsblock, der aus „Sleepy Storm“ und „Der Tag“ bestand, erschien sie in einem weißen Kleid, auf das die Lichteffekte wie auf eine Leinwand projiziert wurden. Somit konnte man zunächst den Eindruck gewinnen, das Kleid sei in einem typischen Sechzigerjahremuster.

Nach einem bereits beschriebenen instrumentalen Zwischenspiel, durfte nach dem ersten Block mit Jette das Schiller Urgestein Kim Sanders auf die Bühne, die schon seit dem ersten Konzert mit von der Partie ist. Sie ist der absolute Publikumsliebling und als vorab die Buchstaben „K“, „I“ und „M“ auf den LED-Wänden zu lesen waren, brach Jubel in der gut besuchten, aber nicht übervollen Stadthalle Offenbach aus. Ihr Set wurde mit „I saved you“ eröffnet und in der Pause zu „I know“ konnte sie sogar ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen.

Da sie vor ihrem Umzug nach Berlin in der Nähe von Darmstadt wohnte, hatte sie in Offenbach quasi ein Heimspiel. Ihre sympathische Art nutzte sie dazu, mit dem Publikum zu kommunizieren und sie versuchte auch dessen Feedback aufzunehmen. Als sie erwähnte, dass sie in der Nähe lebte und deshalb des hessischen Dialektes mächtig sei, gab es prompt eine Kostprobe. Sie sprach ein paar Zeilen auf Hessisch und plötzlich schallte es "Presskopp" aus dem Publikum. Sie schnappte dies auf und versuchte zunächst einmal herauszufinden, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. "Presskopp, was ist das? Ich habe noch nie einen Presskopp gehabt!" Nachdem ihr das Publikum etwas auf die Sprünge geholfen hatte, schien sie die Bedeutung verstanden zu haben: "OK, nachher gehen wir alle hier raus und essen einen Presskopp mit Senf!"

Stimmlich spielt Kim in der ersten Liga der nationalen Künstler. Heute macht Kim keine Dancemusik mehr, da ihr dies zu anspruchslos ist und ihre Stimme dabei nicht genügend zur Geltung kommt. Zur Demonstration gab es eine kurze Einlage: Auf ihr Kommando hin wurden ein paar Beats fespielt und sie legte dazu ein kurzes Dance-Vocal hin. Mit solchen spontanen Einlagen gelingt es ihr immer wieder, das Publikum zu überzeugen und in ihren Bann zu ziehen. Somit war es auch nicht verwunderlich, dass das Publikum bei „Distance“ bis dato am stärksten mitgemacht hat, indem es kontinuierlich mitklatschte und mit den Armen winkte.

Auf der Bühne durfte eine Legende an diesem Abend nicht fehlen. Mit Moya Brennan stand niemand geringeres als die Sängerin der irischen Folk-, New Wave- & Ethno-Band Clannad sowie die große Schwester von Enya auf der Bühne. Vielen dürfte ihre einzigartige Gesangskunst auch von dem Dance-Hit „Saltwater“ von Chicane aus dem Jahre 1999 bekannt sein. Sie sang beim Konzert mit „Falling“ und „Miles and miles“ genau die beiden Lieder, die sie auch auf dem Album einsang.

„Der Tag“ mit Jette von Roth am Gesang war der Abschluss des regulären Sets. Für die Zugabe wurde auf altbewährtes Material der ersten beiden Alben zurückgegriffen. Als wäre der Name Programm, begann der Zugabenblock mit „Ein schöner Tag“. Das Konzert konnte oder durfte einfach nicht enden, ohne dass Kim Sanders noch einmal auf die Bühne kam.

Bei „I’ve seen it all“ steigerte sich die Stimmung auf einen Höhepunkt. Gegenüber den voherigen Auftritten war Kim auf der Bühne aktiver und motivierte das Publikum zu allen Seiten zum Mitmachen. Wenn man so charmant gebeten wird, dann kann man nicht anders, als mitmachen. Den Schlusspunkt setzte schließlich das „Glockenspiel“, das einer der größten Single-Hits Schillers ist und jeder Besucher des Konzerts die Melodie kannte.

Die Zeit bis zu einem eventuellen zweiten Leg der Tour werden wir uns mit der DVD vergnügen können. Auch wird es ein neues Projekt aus dem Schiller-Umfeld geben. Mirko von Schlieffen, der früher ein Mitglied von Schiller war, arbeitet an einem eigenen Projekt namens „Mensano“. Als Gastsänger(innen) werden dort Jael von Lunik, Heather Nova oder Darren Hayes zu hören sein.

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