Saturday, 4. September 2010

Wiesbaden, Schlachthof, 12.04.2006

WIESBADEN/MAINZ (th) – Die Cardigans in Wiesbaden – wie geil. Die gemütliche Schlachthof-Atmosphäre direkt am Bahnhof mit ausreichend Parkmöglichkeiten bot in der letzten Zeit schon einigen nationalen und internationalen Künstlern Unterschlupf für Ihre Gastspiele. Hier verschlug es nun also die Cardigans in die hessische Landeshauptstadt. Und die Cardigans waren froh, wie sie später zugaben, den grässlichen Flughafen diesmal nicht sehen zu müssen. Doch zu den Cardigans später.

Als Vorgruppe bekamen wir Florian Horwath zu hören und sehen. Ein 3-Mann-Gespann, das nicht nur auf den ersten Blick und nicht nur bei mir Verwunderung auslöste. Der Mikrofonständer zu hoch, dafür das Mikrofon ganz "evil" nach unten gekippt (plus auf den Zehenspitzen stehend bzw. wippend), Cowboystiefel, leicht ungepflegter, lässiger Look, aber ein sanftes Auftreten und ein zaghafte Musikpaket, das nicht mit diesem Auftreten harmonieren wollte. Die beiden Bandmitglieder (offensichtlich nicht aus Deutschland, denn Horwath machte die Ansagen, obwohl er Deutscher zu sein schien, ihretwegen auf englisch) wurden als Mom und Dad vorgestellt. Auch das verhalf der verdutzten Zuhörerschaft nicht zur gewünschten Klarheit. Die Musik wirkte zwar intensiv und innig, aber auch provisorisch und zerbrechlich. Es gelang dem Trio nicht, mich zu fesseln. Zumindest nicht musikalisch. Die Faszination des Sonderbaren strahlten sie auf jeden Fall aus.

Die Cardigans betraten die Bühne und die Halle strahlte. Sympathische, freundliche Menschen, denen man die Bindung mit der eigenen Musik ansieht. Sie spielen sie nicht einfach runter, sie zelebrieren sie, bieten sie dar, präsentieren sie. Und sie ließen uns auch gleich wissen, dass wir "Florrrrian Horrrwath" (mit stark betontem und gerolltem "R") zwar beklatschen durften, aber nicht zu viel, denn jetzt sind sie hier, die Cardigans. Und sie zeigten uns, wer hier den Ton angibt.

Musikalisch hielten Sie sich größtenteils zwar einigermaßen an die Versionen, die man von den CDs her kannte, aber die Gesichter und die Körper sprachen Bände: Dies sind unsere Babys, unsere Lieder: Haltet sie. Und liebt sie! Und der Höhepunkt des Abends war für mich sicherlich das Gitarrensolo, für das sich Nina vorsorglich hinter dem Keyboarder versteckte, da die gesamte Bühne als Bewegungsraum benötigt wurde. Das Solo war nicht nur für die Augen ein Genuss, es war die Harmonie von Auge und Ohr, mit nie zuvor gehörten Tönen und Geräuschen, blendenden und überraschenden Bewegungsabläufen, die einen an der Schwerkraft zweifeln lassen und dem Stein, der einem vom Herzen fiel nach dem Solo, dass niemand verletzt wurde. Ich war geflasht.

Selbst die Lieder, bei denen elektronische Einspieler vom Band kamen, nahm man der Band als Rock-Lieder ab, denn es geschah alle mit Herz und noch genügend Handarbeit. Die Stimmung im Publikum war weißgott nicht euphorisch, aber sehr gut und man begegnete den Cardigans mit Würde. Davon ausgenommen sind ausdrücklich eine Gruppe betrunkener Schweden, die links pöbelnd weit vorne standen und nicht zur Ruhe kommen wollten, und rechts eine Gruppe betrunkener Deutscher, die zwar nicht pöbelten, aber ebenfalls negativ auffielen, sogar der Band. Abgesehen davon war es ein herzlicher Applaus, der die Band aus dem Norden immer wieder hochleben ließ.

Und der Abend, der viel zu schnell vorbei ging (er ließ mich auch an der Gleichförmigkeit von Zeit zweifeln), endete mit dem "wohl schönsten Song, den sie je geschrieben haben" (N. Persson): Communication.

Niemand widersprach ihr.
Und jetzt sterben.

Die Setlist:
Drip Drop Teardrop
You're the Storm
Little Black Cloud
Don't Blame Your Daughter
For What Its Worth
Live and Learn
A Good Horse
And Then You Kissed Me I&II
Paralyzed
Erase/Rewind
Hanging Around
Holy Love
I Need Some Fine Wine and You, You Need to Be Nicer
Good Morning Joan
—Zugabe 1—
Losing a Friend
Godspell
My Favourite Game
—Zugabe—
Communication

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