Saturday, 19. May 2012

Holland, Amsterdam, Heineken Music Hall, 10.04.2006

AMSTERDAM/FRANKFURT (tms) – Mit diesem Konzert in Amsterdam konnte ich eine weitere Größe bzw. fast schon Legende der Musikgeschichte von meiner Liste mit den noch nicht live in Concert gesehenen Künstlern streichen. Da Morrissey in Deutschland im Sommer nur bei Rock am Ring/Rock im Park auftreten wird, bot sich eine Reise nach Amsterdam an, um ihn in einer Halle mit übersichtlicher Kapazität (ca. 5.000 Personen) zu erleben. Der größte Kritikpunkt des Abends war die Spieldauer: Für einen Künstler, der aus einem riesigen Repertoire, das neben seinen Solo-Werken auch die komplette Diskographie der Smiths umfasst, schöpfen kann, ist eine Spieldauer von exakt 70 Minuten definitiv zu kurz.

Auch in Amsterdam galten die ungeschrieben Konzertgesetze und pünktlich um 20 Uhr startete die Vorgruppe „The Boyfriends“, die von weitem fast ein wenig wie The Smiths klangen. Ebenso pünktlich begann Morrissey um 21 Uhr das eigentliche Konzert und mit dem Betreten der Bühne begrüßte er das Publikum mit dem Spruch „It’s spring again and my lips start to sing again with these tulips in Amsterdam“. Als Opener wurde „First of the gang to die“ gespielt, das sich live aus der zweiten Liga hinter „Irish Blood English Heart“ von dem „You are the Quarry“ Album in den Vordergrund drängte und das Publikum war sofort voll bei der Sache.

Obwohl in Amsterdam schönes Wetter für Anfang April war, kommentierte Moz die Situation in der Halle mit dem Satz „The venue is full, so it must be raining outside“. Anschließend wurde das amüsierte Publikum mit dem alten The Smiths Hit „Still ill“ verwöhnt, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte. Bei dem Lied spielte die Band, mit der Morrissey schon fast seit Jahrzehnten unterwegs ist, auch das Gitarren-Riff des Liedes in bester Johnny Marr-Manier und man fühlte sich in die frühen 80er zurückversetzt.

Nachdem dem Publikum und den Akteuren auf der Bühne schon so früh im Konzert richtig warm war, entledigte sich Morrissey seines Sakkos. Bis dato trug er einen dunklen Anzug mit einem roten Hemd, dass er jugendlich aus der Hose hängen ließ. Zum Verschnaufen blieb auch danach keine Zeit, denn mit „You have killed me“ folgte gleich im Anschluss schon die erste Single-Auskopplung aus seinem neuen Album „Ringleader of the Tormentors“.

Neben einer außergewöhnlichen Stimme verfügt Morrissey über ganz traditionelle Entertainer-Qualitäten. Ganz old-fashioned war sein Mikro mit Kabel, das er gekonnt in Szene setzte. Das ist ein Anblick, der durch die Funkübertragung fast gänzlich von Konzertbühnen verschwunden ist, aber eigentlich die Präsenz des Sängers auf der Bühne unterstreicht.

In einer CD Kritik zum akutellen Album stand: „Klangwände, vor denen Morrisseys melodramatische Vocals erstrahlen wie noch nie. Ein Triumph!“ Ebenso triumphal war die Live-Umsetzung der Songs und man wurde einfach in den Bann der Musik bzw. des Sounds gezogen.

Wie sich schon bei den Sprüchen zu Beginn des Konzertes abzeichnete, war Morrissey an diesem Abend sichtlich gut gelaunt. „Let me kiss you“ kündigte er mit dem Spruch „That is from an album that nobody likes.“ Das besagte Album war sein fast Comeback-Album „You are the quarry“, bei dem selbst die britische Musikpresse Purzelbäume schlug (eine Ausgabe des NME wurde in „New Mozzer Express“ umgetauft).

Da die meisten, aber nicht alle, mit dem neuen Material noch nicht so vertraut waren, da das Album erst am Freitag vor dem Konzert erschienen ist, war der nächste Stimmungshöhepunkt als Morrissey wieder tief in der Mottenkiste gegraben hat: „Girlfriend in a coma“ – knapp über zwei Minuten sich wieder jung fühlen.

Die Scherze mit dem Publikum hörten nicht auf: Zwischen „I will see you in far-off places“, das live ebenfalls ein absolutes Highlight ist, und „To me your are a work of art“ fragte er in die Runde: „You are all british, right?“ Nicht ganz, denn neben holländisch war im Saal und in den Gängen auch sehr viel deutsch zu hören.

Es war ungefähr Halbzeit des Konzertes und mit „Life is a pigtsy“ kam einer der Geheimtipps und eines der abwechselungsreichsten Songs des aktuellen Albums. Ebenso war es mit einer Spieldauer von um die 10 Minuten das längste Lied an diesem Abend, das mit einem sehr langen, sehr guten Gitarren-Solo endete. Passend dazu folgte ein Klassik-Intro zu „Trouble loves me“.

Bevor Morrissey zur Zugabe die Bühne verließ, zog er sogar noch sein Hemd aus und scherzte dazu: „I’m not skinny as I used to be, but neither you are“, denn sowohl die Akteure auf der Bühne als auch das Publikum war durchweg etwas älter und die meisten werden zwischen 30 und 40 Jahre alt gewesen sein.

Nach knapp über einer Stunde, in denen beachtlich 17 Lieder untergebracht waren, war die Pause zur Zugabe und ließ die Hoffnung auf fünf bis sechs weitere Lieder aufkommen. Wie aber oben schon erwähnt, kam das Ensemble, das nun einheitlich weiße Oberhemden trug, zu „Last night I dreamed somebody loved me“ zurück. Wahrscheinlich liebte er uns alle an diesem Abend, aber dennoch war nach dieser kurzen Zugabe plötzlich und für die meisten im Publikum überraschend Schluß.

Playlist:
01. First of the gang to die
02. Still ill
03. You have killed me
04. The youngest was the most loved
05. Reader meets author
06. Let me kiss you
07. My life is a succession of people saying goodbye
08. Girlfriend in a coma
09. I will see you in far-off places
10. To me you are a work of art
11. Life is a pigsty
12. Trouble loves me
13. How soon is now
14. Irish blood English heart
15. A song from under the floor boards
16. I just want the see the boy happy
17. At last I am born
— Zugabe —
18. Last night I dreamed that somebody loved me

1 Trackback zu Morrissey
am 23.04.2006 um 16:56 Uhr
Morrissey in Amsterdam... Nach fast zwei Wochen habe ich es endlich geschafft, den Konzertbericht über das Morrissey Konzert in Amsterdam zu schreiben. Kaum ist der Bericht fertig geschrieben und schon entdecke ich bei kattenmeisje ein Video, in dem Moz sagt: "This is my ...
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