BERLIN (tsa) – Ich war vorher noch in der Columbiahalle und war überrascht, dass der Saal recht klein war. Das Schöne aber war, dass man sozusagen im Halbrund um die Bühne herumstehen konnte (Sitzplätze gibt es dort nur für Schwerbehinderte etwas seitlich erhöht). Ein großer Teil war der Halle war mit dunklen Vorhängen abgehängt. Ich nehme mal an, dass sich dort weitere Ebenen befinden, in denen Zuschauer sitzen können, wenn dort keine Konzerte gegeben werden.
Alles in allem war ich aber über den Andrang überrascht: Kelly Clarkson ist zwar hierzulande schon bekannt, aber hat wohl immer noch den Ruf, ein Castingstar zu sein (wer verübelt es uns von DSDS & Co. gequälten Deutschen). Ich ahnte schon kurz nach ihrem American Idol Gewinn, dass sie ein „richtiger“ Star werden könnte, war aber nicht so wirklich sicher.
Fangen wir dieses Mal aber schon bei der Vorgruppe an: Revolverheld.
Klingt wie ein schießwütiger Knabe, ist aber eine deutsche Rockband, die gar nicht mal so schlecht war und in der Szene auch bereits bekannt (ich gestehe, ich bin da nicht mehr drin, also bekomme ich so was natürlich nicht mit). Es ging hart zur Sache, was mich ahnen ließ, auch weil der Sänger meinte, dass wir uns auf Kelly gefasst machen können, dass der kommende Auftritt meines derzeitigen Lieblingsstars wirklich gut werden könnte.
Es gibt natürlich Negativbeispiele: Als Rammstein einst als Vorgruppe bei Projekt Pitchfork dem Hauptact mehr als nur das Wasser reichen konnte, sondern ihn sogar in der Schatten stellte. Wer kannte den damaligen Hype um Rammstein nicht? Egal. Revolverheld hat mir gut gefallen und ich werd sie mir wohl demnächst einmal anhören. Vielleicht kaufe ich mir auch noch die CD. Live schaffen es Revolverheld immer wieder neue Fans zu gewinnen, die auch nicht so auf dem Laufenden sind, was gerade von Viva & Co. gepusht wird.
Dann fiel der Vorhang – im wahrsten Sinne des Wortes – denn hinter diesem, der die Bühne halbierte, wurde nach dem Ende von Revolverheld recht flott umgebaut und reichlich Instrumente erschienen, an denen alsbald sechs Musiker ihren Platz einnahmen.
Plötzlich stand sie ca. drei Meter vor mir und war wie aus dem Nichts erschienen. Nein es war keine Hebebühne oder dergleichen, das Mädel ist so klein, die fiel erst gar nicht auf. Eröffnet wurde das Konzert mit „Walk Away“ von ihrem aktuellen Album „Breakaway“. Mein persönlicher Topsong ist er nicht, aber er bereitete den eigentlichen Knaller vor. Ich war gespannt, ob sie live auch wirklich so gut ist wie ich erwartet hatte. Die Auftritte bei der Grammyverleihung und beim Echoauftritt hatte ich leider verpasst, aber eines stand sofort fest: Die Frau kann ja wirklich singen.
Das zeigte sich auch und erst recht beim anschließenden „Miss Independent“ von ihrem Debüt Album „Thankful“. Bei diesem Song hatte Christina Aguilera ihre Finger im Spiel und Kelly sang ihn ebenbürtig. Ich hab auch noch etwas gelernt: Die ersten Alben von Showkandidaten werden meist in kürzester Zeit produziert und so war bis vor wenigen Stunden „Miss Independent“ auch absolut nicht einer meiner favorisierten Songs. Man stelle sich aber Kelly live mit diesem Song vor. Ich muss es glücklicherweise nicht, da ich es live gesehen und gehört habe. Die Stimmung war zum ersten Mal auf einem Höhepunkt und das zu Recht.
Gespielt wurde eine gute Mischung aus den Alben „Thankful“ und „Breakway“, wobei meine Lieblingssongs allesamt bis auf eine Ausnahme gespielt wurden.
„Addicted“ begann sie solo und zum Ende des Songs sollte es dann wieder richtig krachen. „Because of you“ wurde nur mit Piano begleitet und am Ende sang sie gar „Beautiful Disaster“ komplett ohne Instrumente, woran sich „Hear me“ anschloss. Die wirklich gute Stimmung während des gesamten Konzertes begann jetzt überzukochen.
Von Annie Lennox sang sie zur Konzertmitte hin „Why“. Sie kam zwar nicht an das Original heran. Das muss sie aber auch nicht und auf ihre Weise hat sie es super gemacht. Der zweite Coversong des Abends war „I want you to want me“.
Als „Gone“ gespielt wurde brodelte es erneut in der Columbiahalle und sie meinte, dass der Zeitpunkt für einen Geschmackstest gekommen sei (Vorschau auf kommendes Album). Vergesst „Behind These Hazel Eyes“, „Gone“ & Co.: Das sind Weichspüler gegenüber dem, was wir von ihr noch erwarten können. Sie geht für mich eindeutig eine immer härtere Gangart und Dank ihrer kraftvollen Stimme kann sie sich das auch problemlos leisten. Mir hat es auf jeden Fall gefallen und vielen anderen auch.
Bei „Behind These Hazel Eyes“ trug sie im Übrigen ein weißes Kleid, das sehr verdächtig nach dem Brautkleid aus dem Musikvideo aussah. Ansonsten trug sie keine Schuhe, aber schon Shirt und Hose. Seltsamerweise flitze sie gegen Ende von der Bühne und hielt sich sehr verdächtig das Kleid zu als wäre irgendwo etwas aufgegangen.
Kurz vor dem Ende stellte sie noch ihre Band komplett vor und jeder bekam ein Solo. Anschließend sollte mit „Since U Been Gone“ noch einmal ein Höhepunkt folgen. Viele mögen sich zwar an dem Song durch die massive Präsenz im TV und Radio überhört haben, aber live hätte sie gut und gerne diesen Song die ganze Nacht so weiter spielen können. Damit war auch das reguläre Set vorüber und „Breakaway“ war die erste und einzige Zugabe.
Fazit: Ihr verpasst etwas, wenn ihr dieser jungen Dame Euer Ohr nicht schenkt. Sie hat Stimme, sie hat Charme, live klingt sie um Welten besser. Geht hin. Wenn es euch nicht gefällt, dann seid ihr ein hoffnungsloser Fall (klarer Fall von Subjektivität meinerseits).

