Saturday, 4. February 2012

Berlin, Kalkscheune, 19.02.2006
Sophie Zelmani (Frankfurt)Foto: Thomas Stein

Nachdem die Fans gut an- und aufgeheizt sowie auf- und angeheitert waren und zusehends unruhiger wurden, betrat die Band mit etwas Verspätung dann endlich 21:20 Uhr die Bühne.

Die bekannten Stammmusiker von den bisherigen fünf Studioalben zwängten sich auf der kleinen Bühne zwischen den mitgebrachten Gerätschaften hindurch an ihre mittlerweile so vertrauten Arbeitsplätze. Robert "Robban" Qwarforth setzte sich an die Keyboards & Hammond Orgel, Thomas Axelsson schnallte sich den Bass um, Peter "Korre" Korhonen nahm hinter dem Schlagzeug Platz und Lars "Lasse" Halapi stand als Fels in der Brandung mit der ersten seiner Gitarren als Chefdirigent am linken Bühnenrand. Nachdem diese Hürde der Sortierung genommen war (und ein kurzer Blick nach rechts erfolgte), war die Szenerie vorbereitet und es konnte schon losgehen. Dem Schutz ihrer Männer gewiss, betrat alsdann Sophie Zelmani die Bühne (mit einem Buch, welches ich als ihre Songtexte interpretierte, falls sie diese spontan vergessen sollte). Das war der erste kritische Moment, denn es gab selbstverständlich Szenenapplaus bei ihrem Auftritt, bei dem ich erst mal die Luft anhielt. Achtung: Reheffekt!

[Zur Erklärung: der Reheffekt: Ich bin ja, was Sophie-Zelmani-Konzertbesucht anbelangt, ein Novize gewesen, kannte aber um die Geschichten, die sich um diese Frau ranken. Diese schüchterne Frau wird in der Fachpresse nämlich fast immer als scheues Reh dargestellt. Ergo gibt sie wenig Interviews und Konzerte zu geben scheinen ihr auch eher ein Greuel zu sein als Spaß zu machen. Somit hätte es mich nicht sonderlich überrascht, wenn sie aufgrund dieser spontanen Aufmerksamkeitsbekundung durch so viele Leute verunsichert gewesen wäre (denn die Kalkscheune war komplett ausverkauft) und den Rückzug angetreten hätte. Tat sie aber nicht, hielt tapfer durch und beglückte uns mit einem interessanten Konzert.]
Sophie Zelmani setzte sich an den Tisch mit den Gläsern voll Wasser & Wein, atmete einmal tief durch und dann musste es losgehen. Das Konzert zum Dekaden-Best-Of-Album startete mit „Dreamer“ und die Verzauberung, die ich von Sophie Zelmanis Stimme erwartet hatte, trat auch wirklich ein. Beinahe augenblicklich. So leicht und so zerbrechlich legte sich ein sanfter Schleier von Ausgeglichenheit und Weltschmerz wohlig um eines jeden Herzens. (Und neben der Heizung gab es jetzt noch einen Grund, warum einem ganz heiß werden konnte.) Vergessen der Alltag. Vergessen das Klirren der Gläser an der Bar. Einfach eine beglückende Realitätsflucht. Die Harmony Vocals von Lasse unterstrichen diesen Effekt unbemerkt und wogen alle anderen Unannehmlichkeiten auf. Die Gitarre war noch nicht perfekt abgestimmt, die Kalkscheunen-Anlage signalisierte ihr Leistungsmaximum durch Rückkopplungen und komische Verzerrungen und das Timing war (meiner Meinung nach) noch nicht ganz perfekt. Aber das war egal, die Frau in Rot war da und das genügte. Kein Wunder, dass sich die Presse immer im Freudentaumel befindet und mit Lobhudeleien überschlägt; denn was immer es ist, die Frau hat es. Mit „Sing & Dance“ folgte noch ein ruhiges Lied [Randnotiz von Andreas: Ruhiges Lied? Für Sophie-Verhältnisse ist das ja schon ein Up-Tempo-Rocker.], das wiederum sehr gut vom Publikum aufgenommen wurde und vereinzelt schon zum Mitsingen animierte. Und wieder das Problem. Wenn man zu viel mitmachte, begab man sich in Gefahr, dass Frau Zelmani unruhig wird und sich noch weiter in sich zurück zog; und das wollte man ja auch nicht.

Einem verlegen wirkenden, nur hingehauchten „thank you“ (was, den Legenden nach, bei ihr schon als viel Konversation zwischen den Liedern ausgelegt werden kann) folgte sogar eine längere Adressierung des Publikums, bevor es die nächsten bekannten Stücke gab („I notice some of you from two years ago“). Vor allem „Memories“ glänzte durch das schöne Gitarrenspiel von Lasse. Scheinbar routinierte Improvisation und ein schönes Outro rundeten dieses Stück ab und machten es zu einem ersten Highlight des Konzertes.

Eine dicke Überraschung folgte nach ihrer Ankündigung, dass sie so gut wie nichts über ihre Fans weiß, was sie sehr schade findet. Um diese Informationsasymmetrie zu verringern ließ sie dann ein Scrapbook herumgehen, in welchem man sich verewigen konnte. Die Fans in den ersten paar Reihen taten das auch sehr intensiv. So dass das Buch kaum bis in die fünfte Reihe kam, bevor das Konzert vorbei war. – Aber wir standen ausreichend weit vorn; also kein Problem für Andreas, auch auf uns aufmerksam zu machen. [Randnotiz von Andreas: Diese Website, die Konzertberichte und unsere Top-Listen mit vielen Zelmani-Anteilen konnte ich erwähnen, dann lauerten meine schwedischen Platznachbarn im Konzert auf das Buch. Interessant übrigens, wie dieses papierene Gästebuch zu Sophie passt: Ihre handgemachte ruhige Musik ist ja fast altmodisch zu nennen, und statt sich ein Gästebuch im Internet zu halten, gibt sie lieber klassische Papier-Gästebücher auf Konzerten herum.]

Ich war wohl einer der wenigen Anwesenden, der nicht alle ihre Lieder schon in- und auswendig kannte und somit ziemlich oft von mir unbekannten Stücken erfreut und positiv überrascht werden konnte. Und so eine erste Begegnung bei einem Konzert mit den Songs ist nicht zwangsläufig etwas schlechtes. So wie ein erstes Date nie so schlimm wird, wie man es sich ausmalen kann. Die Stücke passten gut in mein Gesamtbild von ihr hinein und man konnte sich unbelastet und frei von jeglichen Erwartungen den Texten und Melodien hingeben, ohne unterbewusst zu analysieren, ob die Noten genau wie auf den Albumstücken getroffen wurden, wie Bläser oder andere Instrumente ersetzt wurden und Keyboard oder Schlagzeug ‚richtig’ einsetzten. Man konnte einfach träumen, sich frei ihren Gedankengängen anschließen und sein Herz bewegen lassen („as you know we are here for changes / you must be caught to see …“). Nichts desto trotz gab es natürlich auch neues für die alteingesessenen Fans mit den Songs „Bitter kind“ und „I can’t change“, die folgten.

Schon jetzt hatte sich eine Routine auf der Bühne eingeschlichen, die vor allem für Sophie wichtig schien. Sie wechselte immer wieder Blicke mit ihrem Keyboarder, ging schnell über das Publikum hinweg, suchte Blickkontakt zum Gitarristen, um dann wieder schnell über das Publikum hinweg zum Keyboarder zu schauen; dann wieder schnell über das Publikum … usw.

So viele schnelle Nummern hat die Schwedin ja nicht in der letzten Dekade aufgenommen, so dass es schon fast wie ein Stilbruch wirkte, als das Tempo für „Yes I am“ merklich angezogen wurde. Locker leicht ging diese Nummer viel zu schnell über die Bühne. Obwohl die Band dabei vorgestellt wurde. Obwohl das Publikum mitsingen sollte (und dieses auch verhalten tat [vgl. Reheffekt]). Apropos. Wieder ein toller Gegensatz. Beim Anspornen zum lautstarken Mitsingen flüsterte sie doch wirklich „scream out“; also wenn das nicht ausgelebte Ambivalenz ist, weiß ich auch nicht. (Oder um mit Andrés Worten zu sprechen: das war drollig.) Und endlich merkte man ihr auch an, dass es heute Abend nicht ganz so unerträglich für sie schien, hier auf der Bühne stehen zu müssen. Und tatsächlich: Sie lächelte! (Und das ganz ohne Alkohol; denn die vermeintliche Hilfe des gut gefüllten Rotweinglases schien nicht nötig zu sein, um ruhiger zu werden. Sie ließ es unbeachtet stehen und beschränkte sich konsequent auf das alternativ bereitstehende Wasser.)

Auch ihre bekannten „wechselnden Blicke“ veränderten sich etwas. Denn das Publikum wurde nicht mehr konsequent zwischen Keyboarder und Gitarristen ausgespart, sondern sie wurde richtig mutig und versuchte sogar einzelne Zuschauer direkt anzusehen. Allerdings verlor sie ein ums andere Mal dieses Blickduell, wenn ihr Gegenüber es bemerkte und zurückguckte. Dann schaute sie nämlich ganz ganz schnell wieder weg; mal zum Gitarristen, dann zum Keyboarder, bis sie sich ein neues Opfer aussuchte, das sie fixieren konnte.

Nachdem sie schon ab und zu zur Gitarre gegriffen hatte, kam bei „Excuse me“ auch eine Mundharmonika zum Einsatz, die so gar nicht auf der Albumversion zu hören ist.

Leider war – nomen est omen – die wunderbare Nummer „Going home“ schon das letzte Lied, wenngleich uns der Abschied wiederum mit einem wunderbaren Gitarren-Outro versüßt wurde. Aber man merkte ihr wieder an, dass sie sich nicht ganz wohl auf der Bühne fühlt. Kaum war ihr Gesangspart vorbei, so dass Lasse wieder mit seiner Gitarre dominieren konnte, wirkte sie wie so oft am Ende ihrer Stücke weltentrückt. Sie blickte ins Leere und wirkte wie in Trance, weit weit weg und wurde dann oft erst durch den Applaus am Ende der Stücke wieder ihrer anderen Realität bewusst, gerade ein Konzert zu geben.

Diese genau 60 Minuten waren natürlich viel zu kurz, um die Künstler an diesem Abend schon zu entlassen. Nach wenigen Minuten waren sie also wieder zurück auf der Bühne und gestalteten den Zugabenteil als Wünsch-dir-Was-Veranstaltung. Auf ihre Frage hin, was man dann jetzt gern hören würde, die Lasse mit improvisierten Tonen untermalte, hörte ich mindestens zehn Titelvorschläge, wobei am lautesten nach „leaving“, „so long“ und „you & him“ gerufen wurden. Vor allem letzteres wurde immer wieder propagiert, aber von ihr mit „I can’t do that anymore“ leichtfertig abgetan. Aber anstatt sie in dieser Meinung zu unterstützen, schocke Lasse sie gewissermaßen, als sie sich schon nach neuen Songvorschlägen umhörte. Ich hatte zwar nicht auf sein Gesicht geachtet, aber ein schelmisches Grinsen war dort bestimmt zu sehen, als er bei seinem improvisierten Spiel bestimmt rein zufällig genau die Tonreihenfolge traf, die diese Up-Temponummer einleiten. Die Panik in ihren Augen war unverkennbar, aber frei nach der Devise „wenn Blicke töten könnten“ spielte er einfach irgendwas weiter und das lauter gewordene Publikum wurde wieder ruhiger. [Randnotiz von Andreas: Interessant, wie oft Sophie während dieser Szene ihren Mikrofonständer verstellte, so als ob sie im Sekundentakt immer je zehn Zentimeter wachsen oder schrumpfen würde. Gerade bei den Titelvorschlägen von ihrem Debutalbum wurde sie nervös – Mikrofon runter, Mikrofon hoch. Immerhin fand sie die für mich beste Lösung: Sie spielte dann mit „So long“ einen der gewünschten Titel, der auch zu meinen Lieblingssongs zählt.]

Nach diesen drei Liedern und der erneuten Rückkehr auf die Bühne gab es dann mit „Leaving“ und dem Versprechen das nächste mal wieder neue Lieder dabei zu haben, um 22:37 Uhr die nun leider wirklich allerletzte Zugabe an diesem Abend. [Randnotiz von Andreas: Sophie entschuldigte sich fast beim Publikum, dieses Mal nur mit zwei neuen Liedern im Gepäck eine Tour zu geben. Immerhin also die Message: Dieses Jahr wird ein neues Album aufgenommen!]

85 Minuten, die viel zu kurz waren und doch beeindruckten. (Oder um es mit ihren eigenen Worten aus „Excuse me“ zu beschreiben: “some peole would say it could have been magic / well, I won't forget the magic like I won't forget that day”.). Eine weitere Möglichkeit, das Konzert nicht zu vergessen wäre gegeben gewesen, wenn man sich das Konzertposter noch hätte schnappen können. Aber da war man bei weitem nicht der Einzige mit diesen Gedanken und leider nicht der erste. Aber die Erinnerungen kann einem keiner nehmen und da sie durchweg positiv sein werden, kann man seine Erinnerungen bei ihrem nächsten Gastspiel wieder auffrischen.

Setlist:
01. Dreamer
02. Sing & dance
03. Got to stop
04. Gone with the madness
05. Memories
06. * Bitter kind
07. * I can't change
08. Yes I am (inkl. Bandvorstellung + Publikummitsingteil)
09. Excuse me
10. Fade
11. Oh dear
12. Going home

13. My oder Fire [Randnotiz von Andreas: Sorry, nicht aufgepasst, hier hatten wir gerade das Gästebuch in den Händen.]
14. Hard to know
15. * So long (Aranjuez Version)

16. leaving

Der Konzertbericht wurde uns freundlicherweise von Lonereviewer.de zur Verfügung gestellt. Außerdem ist es nur Auszug aus dem sehr ausführlichen Erlebnis-, Emotions- und Konzertbericht, den ihr dort finden könnt.

P.S.: Das Foto zu dem Beitrag stammt aus der Konzertfoto-Gallerie vom Frankfurter Konzert drei Tage später.

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