MISTER CONGENIALITY FÜHLTE SICH WIE 1990
Foto: Thomas SteinFRANKFURT (tms) – Die Tourneen zu Phillip Boas vorigen Alben, die ohne Mitwirkung von Pia Lund entstanden sind, hatte ich nicht verfolgt und so war es 1996, dass ich den Voodooclub das letzte Mal gesehen habe.
Ähnlich meiner Tourabstinenz waren Lieder aus dieser „Solo-Zeit“ bis auf „Rome in the rain“ gar nicht auf der Playlist vertreten. Stattdessen wurde auf dem Konzert fast eine 50:50 Mischung aus Klassikern aus Boas Hochphase Anfang der Neunziger und dem aktuellen „Decadence & Isolation“ gespielt.
In einer Kritik zum neuen Album stand „Lange klang deutscher Indierock nicht mehr so zeitgemäß“ und Phillip Boa ließ während des Konzertes verlauten, dass er sich wie 1990 fühle. Diesen Brückenschlag der Zeiten vollbrachten die Akteure bravurös und das Publikum feierte enthusiastisch mit, denn fast bis zu den ersten Stufen im Mousonturm wurde gesprungen und Pogo getanzt.
Trotzdem haben sich die Zeiten geändert. Wo in den 90ern noch ganze Hallen im Chor „Arschloch“ brüllten gab es in Frankfurt nur zwei-drei Rufe dieser Art. Ab und zu blitze aber auch die alte Arroganz wieder hervor, denn nach einer Ansage, die kaum verständlich war, merkte Boa an, dass das Publikum jetzt wahrscheinlich nichts verstanden habe, aber er habe nur etwas gesagt, damit ihm später nicht nachgesagt werden könne, er habe nichts gesagt. Von daher hat er seine Pflicht erfüllt.
Erfreulicherweise war stimmungsmäßig kein Unterschied zwischen alten und neuen Liedern auszumachen. Besonders gefeiert wurden auch die Songs, die Pia solo sang, bei denen sich Phillip immer dezent von der Bühne verabschiedete. Leider war ihre Stimme während der ersten beiden Solo-Einsätze (bei „Love on sale“ und „Der Himmel“) zu leise abgemischt, so dass sie kaum zu verstehen war. Glücklicherweise wurde dieses Problem im Laufe des Konzertes behoben und bei „Altantic Claire“ und „And then she kissed her“ wurde das Konzerterlebnis nicht mehr getrübt. Jedes Mal wenn Boa nach solchen Auszeiten auf die Bühne zurückkam, wies er mit Gesten darauf hin, dass dieser Applaus ausschließlich für Pia sei.
Die neuen Stücke haben sich zweifelsohne als sehr gute Live-Lieder behauptet. Einige davon und dabei vor allem die neue Single „Burn all the flags“ werden bestimmt auch nach der Decadence & Isolation-Tour im Repertoire bleiben. Die Lieder aus den unterschiedlichen Zeiten fügten sich so nahtlos aneinander, dass ein Voodooclub-Neuling wahrscheinlich die Lieder den unterschiedlichen Dekaden nicht zuordnen kann. Gerade die Lieder aus dem zweiten Drittel der aktuellen CD („The songs of life 1 2 3 4“, „2 white moths & a black cat“ und „21 years of insomnia“) kamen noch druckvoller und energiegeladener als auf dem Album rüber, obwohl es sehr schwierig ist einzelne Lieder herauszuheben.
Leider waren beide Stimmen bei manchen Liedern wegen einer suboptimalen Soundmischung sehr schwer bis gar nicht zu verstehen, aber je länger das Konzert ging, je besser wurde auch die Abmischung. Glücklicherweise bewies sich Frankfurt wieder einmal als sehr gutes Publikum und sorgte weiter für Stimmung. Dies kam auch auf der Bühne an, denn Phillip bedankte sich beim Publikum und bei Pia war auch ein Lächeln zu entdecken.
An Phillip Boa kann man wahrscheinlich erkennen, wie nah Genie und Wahnsinn beisammen sind. Ich kann mich an kaum einen anderen Sänger erinnern, der auf der Bühne mit Gestiken die Musik untermalt, die nervösen Zukuckungen ähneln. Würde man sich so auf der Straße verhalten, würde man wahrscheinlich direkt in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden. Aber genau diese ungewöhnliche Bühnenperformance macht gerade den Reiz und die Faszination aus.
Insgesamt war es ein großartiges Konzert in einer großartigen Location, das traditionell mit „Kill your ideals“ nach etwa 100 Minuten zu Ende ging.
Playlist der Städteschulungsreise November 2005:
Annie flies the lovebomber
Decadence & Isolation
Albert is a headbanger
21 years of insomnia
Fine art in silver
And when the magic fades
Love on sale
Skill
Have you ever been afraid
Der Himmel
The songs of life 1 2 3 4
I dedicate my soul to you
Femmes fatale
This is Michael
2 white moths & a black cat
Atlantic Claire
Burn all the flags
Zugabe #1:
Rome in the rain
Bells of sweetness
Intrigue & Romance
Container love
Zugabe #2:
And then she kissed her
Kill your ideals


