FRANKFURT (tms) – Annett Louisan präsentierte mit ihrer Band gestern Abend in der Frankfurter Alten Oper in einer 90minütigen Show das komplette Boheme-Album sowie fünf neue Lieder, die wahrscheinlich auf ihrem nächsten Album erscheinen werden.
Dank der Förderung durch Werner Reinke von hr3 wird Annett Louisan wahrscheinlich eine ganz besondere Verbindung zu Frankfurt (die Wiege ihrer medialen Karriere) aufgebaut haben. Somit war es auch nicht verwunderlich, dass sie, nachdem sie von tosendem Applaus im Großen Saal begrüßt wurde, sich erst einmal freute, in diesem ehrwürdigen Haus spielen zu dürfen. Sogleich ging auch schon das Konzert mit "Die Dinge" los.
Mit ihrer fünfköpfigen Begleitband spielte sie ihr Repertoire ähnlich präzise, wie sie in "Die Trägheit" den Tag über nichts macht. Wie vorher anzunehmen war, durften keine außergewöhnlichen Live-Versionen zu erwarten sein, denn wie spielt man boulevardesken Kaffeehaus-Jazz? Man spielt einfach boulevardesken Kaffeehaus-Jazz! Dennoch wurden die Lieder während des Konzertes durch Instrumenten-Soli angereichert, für die auf dem normalen Album kein Platz ist. Da ihre Band technisch brilliant spielte, führten diese Soli auch regelmäßig zu Zwischenapplaus seitens des Publikums.
Im Vordergrund steht aber Annett Louisan, die die frech-frivolen Texte, die die komplette Bandbreite an Klischees zwischen Mann und Frau abdecken, mit ihrer lolitahaften Stimme und der dazugehörigen "Kleinwüchsigkeit" (sie misst nur 1,52m) präsentiert.
Ärgerlicherweise saßen wir ganz vorne auf der linken Bühnenseite und ihre Show war leider etwas rechtslastig. So setzte sie sich auch einmal (leider auf der falschen Seite) auf den Bühnenrand, wie sie es z.B. auch bei der Echo-Verleihung gemacht hat.
Anhand der Reaktionen des Publikums konnte man erkennen, dass sich dort fast ausschließlich Album-Besitzer befanden, denn der generell starke Applaus war auch nach den Hit-Singles "Das Spiel" und "Das Gefühl" nicht anders als bei den übrigen Liedern des Albums.
Charmant war auch, als während "Die Gelegenheit" ein älterer, etwas voluminöserer Herr Blumen und ein Geschenk zur Bühne brachte und genau in dem Moment, in dem er die Präsente niederlegte, sang Annett die Zeile "mach mir 'n Kind".
Sehr angenehm und erfrischend waren auch die Einleitungssätze, die Annett vor fast jedem Lied brachte. So las sie z.B. Passagen aus Paul Watzlawick's "Anleitung zum Unglücklichsein" und aus Allan und Barbara Pease's "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" vor.
Da wahrscheinlich die meisten Zuhörer(innen) mit dem Material des Albums "Boheme" vertraut waren, wurden die neuen, noch nicht veröffentlichten Titel zu wahren Highlights des Konzertes. Dabei ist vor allem das Lied "Meine Freundin Eve" hervorzuheben, bei dem es um "überperfekte" Frauen geht und die Lyrik fast eine Alliteration von Adjektiven ist, die auf "-iv" enden. Während des Liedes wurde das Publikum sowohl zu Lachsalven als auch zu Zwischenapplaus hingerissen. Nach dem Lied (als Single wäre es bestimmt ein Smash-Hit) war der Applaus fast so lange wie am Ende des Konzertes.
Die anderen neuen Titel trugen die Namen "Wo ist Dein Problem", "Ausgesprochen unausgesprochen", die "Beerdigung" und "Der, den ich will". In der ersten Zugabe sang Annett "Die B-Seite" von Rio Reiser. Diese Einblicke in das neue Material lassen nur Gutes für das nächste Album erahnen, das gerüchteweise im Herbst erscheinen soll.
Playlist:
Intro
Die Dinge
Die Lüge
Die Formel
Daddy
Das Gefühl
Die Katze
Meine Freundin Eve
Wo ist das Problem
Der Blender
Der Schöne
Die Gelegenheit
Das Spiel
Ausgesprochen unausgesprochen
Die Trägheit (Introducing the band)
Das Liebeslied
Die B-Seite
Die Beerdigung
Der, den ich will

