Saturday, 31. July 2010

Hamburg, Musikhalle, 25.09.2003

HAMBURG (a.j.) - Am liebsten möchte ich eigentlich garnichts dazu schreiben, mir fehlen nämlich die würdigen Worte, um den gestrigen Abend in Worte zu fassen. Da dieses aber eine Konzertberichte-Seite ist und es ohne Worte halt nicht geht, versuche ich doch mal, meine Emotionen so gut wie es geht rüberzubringen :

"An Acoustic Evening with Heather Nova" heisst es angekündigt auf den nostalgisch, in schwarz-weiss gehaltenen Konzertplakaten, auf denen Heather mit ihrer Gitarre abgebildet ist. Losgelöst von den kommerz-verliebten Plattenlabels der Vergangenheit und voranschreitend mit einem neuen Akustik-Album namens "Storm", nach dem Heather schon immer ambitioniert strebte, war nun eine Semi-Akustik-Tour geplant. Schon bei ihren letzten Touren legte Heather bei ihren Konzerten eine kleine 30minütige Akustik-Session im Rahmen ihrer eher rockigeren Gigs ein, und kam scheinbar auf den Geschmack. Die Location in Hamburg war in diesem Jahre die Musikhalle (grosser Saal). Einem Konzertsaal in dem sonst nur klassische Musik vorgetragen wird – ein idealer Ort, der der Musik von Heather Nova also würdig ist !

Bevor ich nun, wie sonst immer, zu sehr abschweife, komme ich lieber gleich zum Wesentlichen. Nur kurz sei erwähnt, dass der Voract Lloyd Cole, allein mit seinen verschiedenen Akustik-Gitarren insgesamt einen guten angenehmen Auftritt hingelegt hat, der dem Publikum auch gefallen mochte.

Nun aber zu Heather und ihrer neu-formierten Band. Allen voran stach einem besonders Glen Scott, der neue Keyboarder (nach Will Foster) und Backing-vocalist, ins Auge. Während er seine sehr improvisierten Parts spielte, schien er mit der Musik zu verschmelzen. Die meiste Zeit schloss er seine Augen und kreiste mit seinem Kopf gefühlvoll hin- und her. Man merkte, dass er voll in den Songs aufging. Ein schöner Gewinn für Heather und ihre Musik – beim späteren Vorstellen der Band kassierte er nach Heather den meisten tobenden Applaus. Das Publikum hatte einen neuen Liebling in ihrer Band gefunden. Auch wenn ich anfangs sehr skeptisch war, nach Will Fosters Weggang, ob ihn je einer ersetzen kann, bin ich nun der Meinung, dass man mit diesem Glen einen absoluten Fang gemacht hat, den ich gerne noch ein paar Jahre in Heather´s Band sehen möchte. Aber auch die anderen beiden Neulinge Luke Bullen (drums and percussion) und Matt Round (bass, contra-bass) machten ihre Sache sehr gut. Ich neige fast dazu, zu sagen, dass ich, was die musikalischen Fähigkeiten angeht, kaum einen Unterschied zur alten Band feststellen konnte, obwohl mir hier doch viele Parts teilweise sogar neu-interpretiert besser gefielen. So zum Beispiel "Doubled Up", bei dem der Drum/Percussion-part etwas mehr Beachtung bekommen hat, was den schönen Song insgesamt noch besser trägt und abrundet. Überhaupt waren Scott´s Interpretationen am Keyboard den ganzen Abend ein wahrer Ohrenschmaus. Von der Zugabe von "Walk This World" ganz zu schweigen, dazu aber dann später mehr…

Nach dem letzten "Klingeln" im Saal wurden die Lichter langsam andächtig gedimmt. Um ca. 21.50 Uhr kamen Heather (übrigens etwa im 5./6. Monat schwanger!) und ihre Band auf die Bühne und begannen mit "One Day In June". Die Bühne wurde mit hellen weissen Lichterketten um die Mikrofon-Ständer und Instrumente herum geschmückt, im Hintergrund an den internen aufsteigenden "Kirchen"-Orgeln wurde eine grosse Diskokugel befestigt, die mit bunten Lightern angestrahlt wurde. Hinzu kamen Licht- und Figurenspiele in den herrlichsten bunten Farben, die an die Orgeln projeziert wurden – ein insgesamt schönes Bild, dass die Musik sehr emotional begleitete…

Es folgte das ebenfalls vom neuen Album stammende, und besonders gute Laune-bringende "I Wanna Be Your Light".Das erste Highlight gab es mit "Winterblue", dessen Solo, welches in dem Song sonst von einer E-Gitarre (Berit Fridahl) gestellt wird, diesmal auf dem Keyboard instrumentiert wurde, und das in einer Art und Weise, der erfahrene Roy Bittan (Keyboarder, E Street Band) hätte seine Freude dran gehabt. Glen verstand auf seinem Keyboard zwischen Hammond-Orgel-Tönen und sanften Pianoklängen wunderhübsch verpackte Brücken in den Liedern aufzubauen. Es machte Spass ihm zuzuhören und ihn dabei zu beobachten.

Heather hatte uns neue Songs von "Storm", als auch eine Vielzahl alter Songs versprochen. Besonders gefallen hat mir die Mischung an diesem Abend. Auch wenn man neugierig auf die neuen Sachen ist, möchte man doch allzugerne vertraute Töne hören, und das nicht erst am Ende des Konzertes, wie viele Künstler es oft gestalten. Heather hatte einen wirklich tolle Setlist aufgestellt, die die alten Lieder mit den neuen perfekt zu einem Guss zusammenfügte. "London Rain", "Truth And Bone", "Island" um nur einige zu nennen, wurden direkt ins Konzept aufgenommen, was das Konzert zu einer Art Best Of- und weniger Promo-Darbietung für das neue Album erscheinen ließ. Langsame melancholische Songs wurden unterbrochen mit lebhaften, freudigen Liedern – kein Song wirkte fehl am Platz (jemand aus dem Publikum sah das vielleicht anders, als ihm bei den ersten Tönen von "Gloomy Sunday" ein "och, schei..e!", vielleicht unabsichtlich laut, entronn – nicht jedermanns Sache, dieser schwierige, aber meiner Meinung nach, herrlich traurige Song).

Da Heather an diesem Abend besonders entspannt und redselig war, möchte ich insbesondere die Songs hervorheben, zu denen sie etwas zu sagen hatte : Eine ihrer ersten Worte waren die über ihren ersten Gig 1993 in Hamburg, in dem Knust Club (Heather im O-Ton : K nust – Club) an den sie sich scheinbar noch lebhaft erinnern konnte. Sie erwähnte weiter, was für eine schöne Location die Musikhalle sei und fragte uns, ob wir auch alle schön bequem sitzen würden [Blinzeln] Zu "London Rain" erzaehlte sie uns, dass es ein Song sei, der sich mit dem Heimweh auf den Touren auseinandersetzt. Mit den endlos langen Fahrten im Tourbus quer durchs Land und dem wiederum freudigen Heimkommen – London war jahrelang ihre Wahlheimat. Bei "Island", einem ihrer Klassiker, erzaehlt sie von einer schweren Zeit in ihrem Leben und der Überwindung dergleichen.

Obwohl es ein semi-akustischer Abend war, wurde der mittlere, schwere und laute Part von "Island" , ebenbürtig zur eigentlich bekannten "rockigen" Version, enorm gut und kräftig mit den Drums rübergebracht – von wegen zu ruhiger Abend ! Die Band wusste das Impulsive des Songs trotz Mangel an E-Gitarre, emotional sehr gut rüberzubringen – wirklich interessant, das mal in solch einer Version zu hören. Das an diesem Abend (während der Songs) sehr andächtige Publikum applaudierte nach diesem, und eigentlich bei jedem Song frenetisch und langanhaltend, dass Heather kaum zu Wort kam, und oft mehrmals mit ihren Aussagen ansetzen musste, damit auch die hinteren Reihen etwas mitbekamen. Gerade bei den Stellen, wo man ein Song-Ende vermuten könnte (Heather aber oft wieder einsetzt), zeigte sich das erfahrene Publikum von Heather – es wurde erst geklatscht, wenn ein Song tatsächlich vorbei war – nur keinen einzigen Ton übertönen, man genoss jeden von Heather und ihrer Musik [Lächeln] Es wurde richtig "zugehört", teils mit geschlossenen Augen, teils mit seinem Partner im Arm, teils einfach nur bewegt. Der Saal fühlte sich an, wie ein in sich vereintes, harmonisches und warmes Energiefeld, und Heather war die Quelle – auch wenn es blumig, und für den einen oder anderen etwas übertrieben klingen mag, so in etwa möchte ich das Gefühl, dass ich hatte, beschreiben.

Aber auch zu Lachen gab es hin- und wieder was. Besonders als Heather sagte, dass sie in diesen Tagen für "Zwei" singe, und dabei leicht stolz, aber auch teils schüchtern auf ihren Bauch zeigte. Wenn ich das weiter richtig verstanden habe, freut sie sich schon auf die Zeiten, in denen sie ihrem Jungen vorsinge, und dieser vielleicht dann sage "oh no, please stop it!" Heather und wir lachten vergnügt. [Lächeln] Heather saß dabei nun auf einem Stuhl, rechts neben Glen Scott, die übrigen Bandmitglieder verliessen für einen Moment die Bühne. Mit einem Q-Chord auf dem Schoß spielte sie die ersten Töne von "Drink It In" an, dem sie ihren Bruder widmete, der kürzlich schwer erkrankt ist, dem es aber mittlerweile wieder besser gehe. Am Abend erzaehlte sie es allerdings allgemeiner und stellte den Song symbolisch als heilende Kraft zur Überwindung von Krankheiten vor. Es ist also kein negativer Song, sondern einer der Hoffnung spenden soll und durchaus optimistisch zu interpretieren ist.

Noch alleine mit Glen an den Keys folgte "Gloomy Sunday" (dem Song zum gleichnamigen Film mit Joachim Krol und Ben Becker aus dem Jahre 1999), einem sehr melancholischen, dunklen Song "von Liebe und Tod", der einem herrlich aufs Gemüt schlägt und wohl am besten zum Ambiente der Musikhalle passte. Glen Scott improvisierte wieder an den Tasten. "Gloomy Sunday" ist ein ideales klavierbetontes Musikstück für ihn, wo er sich vollends in aller Ruhe interpretieren konnte – er kassierte dafür im Anschluss auch den tobenden Applaus der begeisterten Zuhörer – Heather bedankte sich ebenfalls bei ihm und liess ihm, auf ihn zeigend, die Ovationen der Zuhörer zukommen.

Mit der kompletten Band folgten nun weitere alte und neue Songs. Nachdem der Hauptteil des Konzertes abgeschlossen war, und die Musiker die Bühne verliessen, gab es überwältigenden Applaus. Nach einer kurzen Weile tauchten Heather & Band wieder auf, es folgten "Valley Of Sound" (einem live sehr selten zu hörenden Song, den Heather inspiriert vom jung verstorbenen Jeff Buckley einspielte – wenn ich es richtig verstanden habe, durfte sie vor einiger Zeit mal auf Jeff´s Gitarre spielen und war dabei sehr bewegt – falls ich hier falsch liege, würde ich mich freuen, wenn jemand mich berichtigen würde…

Als nächstes Highlight, meiner Meinung nach, folgte eine völlig überraschende Version von "Walk This World". Die Einleitung war sehr beeindruckend. Glen Scott stand von seinem Stuhl auf und hielt ein kleines handliches Keyboard in seiner Hand, an deren Ende ein Mundstück in Form eines Schlauches angebracht war, in dem er hineinblies. Während Glen im vollen Lichte stand, blieben die restlichen Musiker, auch Heather, im Dunkeln verborgen. Man konnte allerdings ihre Silhouetten erkennen, und sah wie sie bedächtig zur Seite zu Glen schauten. Nachdem er sein kleines Solo zuende spielte, wandte er sich den Zuschauern zu und forderte uns zum Klatschen auf, während Luke Bullen bereits kraftvoll mit seinen Drums einsetzte und Heather und Matt ebenfalls lautstark miteinstiegen. Wirklich klasse, wie der Song hier zelebriert wurde. Der Saal kochte über, ein wirklich jeder klatschte mit, es machte riesen Spass, man war ein Teil der Band und ein Teil der Musik, mehr denn je in diesem Moment. "Walk This World" in solch einer kräftigen Version habe ich zuvor noch nicht gehört und war hin und weg von der neuen Ausstrahlung, dem neuen Gesicht und dem Potential, die aus diesem Song noch herauszuholen war [Lächeln] Tolles Arrangement ! Nachdem die Leute auf den Balkonen schon längst standen, hielt es die im Parkett Sitzenden ebenfalls nicht mehr auf ihren bequemen Sitzen. Es gab Standing Ovations und Trommelwirbel mit den Füssen – hoffentlich halte das die Location aus, dachte ich mir.

Die Band verschwand ein zweites Mal, nur Heather kam nochmal allein gegen 23.25 Uhr auf die Bühne. Der Beifall liess nicht nach. Heather wollte noch ein pasr Worte des Dankes mehr loswerden, aber sie konnte kaum einen Satz anfangen, so überwältigend war der Applaus des Publikums. Schliesslich wollten nun aber die meisten doch Heather´s Worten lauschen. Nach und nach, während Heather sich nocheinmal ausgiebig bei uns für einen tollen Abend bedankte und eine kurze erklärende Einleitung zu "The Storm" gab, setzen sich bei Reihe 1 beginnend die Leute wieder wie eine Zieharmonika nach hinten weg auf ihre Plätze – es folgte nun ein sehr ruhiger einfühlsamer Song, nur mit Heather an der Akustik-Gitarre und ihrer engelsgleichen Stimme. Es war ein sehr bewegender Abschluss eines brillianten Konzertes, das die meisten Fans an diesem Abend wohl nicht so schnell vergessen werden.

Es war schon etwas Besonderes Heather mal in einem anderen musikalischen, nämlich akustischen Gewand zu erleben. Brilliante Kompositionen wie von ihr gewohnt sowieso, diesmal aber als wunderschöne Semi-Akustik-Arrangements verpackt. Eine Heather Nova, die wie nie zuvor mit dem Publikum interagierte und mehr denn je von sich preisgab, und spürbar zeigte, dass sie sich sehr wohl fühlte. Einem gewinnbringenden Glen Scott an den Keyboards der uns hoffentlich noch lange erhalten bleiben wird. Vielen Dank für den wunderschönen Abend, Heather und Band ! Wiedereinmal habe ich mehr denn je gelebt und gespürt was Musik in mir emotional anrichten kann [Lächeln] Nur schade, dass es schon wieder vorbei ist !

Note : 1 (a.j.)

Dieser Beitrag wurde uns freundlicherweise von Lonereviewer.de zur Verfügung gestellt.

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